Tiefe Einblicke in eine Staumauer

axpo1Sicherheit steht bei jeder Stauanlage an erster Stelle. Das gilt auch für jene des Lag da Pigniu. Wasser wärter Arnold Flepp nimmt uns mit auf einen Kontrollgang «unter Tage». Dabei zeigt sich der herbe Charme der 50 Meter hohen Gewichtsstaumauer — auch wenn ihr Inneres kühl ist.

 

Von Daniela Biedermann

Nur gerade 7 °C herrschen im Innern der Staumauer des Lag da Pigniu (Panixersee), 80 Prozent beträgt die Luftfeuchtigkeit: Für Arnold Flepp bedeutet das Arbeitsalltag. Der 40-jährige Bündner ist seit 1999 für Axpo als Wasserwärter im Einsatz und leitet das Team «Bau und Talsperren » der Axpo Hydro Surselva AG in Tavanasa. Sein Beruf ist für ihn Berufung. Das war schon bei seinem Vater so. Er könne sich nichts Schöneres vorstellen, als für «sein Haus» selbstständig verantwortlich zu sein, sagt Flepp.

Rund um die Anlage seien Hirsche und Rehe, aber auch Turmfalken und Reiher zu beobachten. Diese Umgebung gilt es genauso zu kontrollieren wie die Mauer selbst. Dazu gehören etwa die sogenannten Fassungen, von denen aus das Wasser der Bäche der Seitentäler in den See geleitet wird. Arbeiten «unter Tage» werden aus Sicherheitsgründen zu zweit gemacht. Gut miteinander auskommen ist also Voraussetzung. Im Wärterhaus neben der über 50 Meter hohen Staumauer laufen alle Daten zur Überwachung der Anlage computergesteuert zusammen. Technik allein ersetzt die Kontrolle durch das Auge des Profis jedoch nicht.

axpo2Wir steigen die Treppe hinab zum Kontrollgang im Innern der Mauer. Er wirkt weniger düster, als man sich das gemeinhin vorstellt, und zieht sich schnurgerade von einem Ende der Mauer zum anderen. Entlang der Wand verläuft ein Stahldraht, der zwischen den Felswänden beidseitig der Mauer freihängend aber von einer metallenen Hülle geschützt, aufgespannt ist. An der Messstelle misst Flepp die Distanz zwischen Wand und Draht und dokumentiert so die See-Tal-Bewegung der Mauer mikromillimetergenau. Staumauern sind immer in Bewegung, sei es wegen der Temperaturunterschiede im Sommer und Winter oder des jeweiligen Wasserstands des Sees. Horizontale Bewegungen werden mit Loten gemessen. Die mit einem Gewicht gespannten Drähte hängen frei in vertikal verlaufenden Schächten. Damit das Lot nicht in Schwingung gerät, hängt das Gewicht in einer Flüssigkeit. Die Lote sind über den Injektionsgang zugänglich, der mehr als 46 Meter unter der Mauerkrone liegt.

Je tiefer wir kommen, desto lauter plätschert das Wasser, das in der Rinne seitlich des Gangs fliesst. Staumauern sind nie ganz dicht. Das einsickernde Wasser darf aber einen bestimmten Wert nicht überschreiten. Zur Kontrolle nimmt Flepp die Stoppuhr und den Massbecher zur Hand: Daumen hoch, alles in Ordnung! Flepp führt die Messungen ohne Hast durch. «Für die Sicherheit der Anlage ist die Qualität der Messungen zentral und auch die Arbeitssicherheit bedingt ein besonnenes Vorgehen. Das braucht eben Zeit», sagt er.

axpo4Unser Kontrollgang führt uns weiter, vorbei an den Zugängen zu den Ablasseinrichtungen. Das sind bewegliche Verschlüsse wie der Grundablass am Fuss der Mauer. Auch sie müssen stets einwandfrei funktionieren. Immer wieder beleuchtet Flepp mit der Taschenlampe Decke und Wände des Gangs, um sie auf Risse und feuchte Stellen zu kontrollieren. Die Routineprüfung im Innern der Mauer dauert einen halben Tag. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Schon machen wir uns auf den Weg nach oben und steigen die vielen – sehr vielen – Treppenstufen wieder hoch: Kein Wunder, ist der Mann topfit.

Kraftwerk Pigniu
Die über 50 Meter hohe Staumauer des Lag da Pigniu staut die Zuflüsse des Val Pigniu und des Val da Siat. Ihre Krone ist 270 Meter lang. Der See mit einem Nutzungsinhalt von 7,3 Millionen Kubikmeter Wasser liegt oberhalb des 30-Seelen-Dorfes Pigniu auf 1450 Meter ü. M. Der Druckstollen ist 7,8 Kilometer lang und führt unter dem Val da Siat zum Wasserschloss Ruschein. Die Anlagen sind seit 1992 in Betrieb und werden durch die Axpo Hydro Surselva AG betrieben und überwacht. Sie sind Teil der Kraftwerke Ilanz AG; deren Stufe Pigniu erreicht eine Maximalleistung von 54 Megawatt.

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