Londons verwunschene Friedhöfe… zum Sterben schön

gutes-karma-to-goVon Bettina Marie Schneider

Jeder hat seine eigenen Bilder im Kopf, wenn es um Lieblingsplätze geht, Orte mit einem besonderen Zauber, an denen man sich rundum wohl fühlt und die man immer wieder gerne besucht. Einer meiner persönlichen Lieblingsplätze ist die verwunschene Parkanlage eines alten Londoner Friedhofs.

Umgeben von verwitterten Grabsteinen und kunstvollen Grabengeln, ist ein Picknick mit den Friedhofsraben von Brompton Cemetery für mich der Höhepunkt jeder London Reise und ein MUSS.

Insgesamt gibt es rund um London sieben solcher Kleinode der Friedhofskunst aus vergangener Zeit. Man nennt sie zu recht ” The Magnificent Seven”, “Die glorreichen Sieben”. Errichtet wurden sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die Einwohnerzahl Londons in kürzester Zeit verdoppelte, die Stadt aus allen Nähten platzte und die Friedhöfe ebenfalls.

Graveyard of The Parish Church of Saint John-at-Hampstead - Foto: Loz Pycock, Flickr

Graveyard of The Parish Church of Saint John-at-Hampstead – Foto: Loz Pycock, Flickr

Deshalb durften Privatunternehmer ab 1832 insgesamt sieben Friedhöfe in den damals noch ländlichen Londoner Vororten errichten und die “London Cemetery Company” erwarb das Areal für den wohl beeindruckensten Park Friedhof seiner Epoche. “Highgate Cemetery”.

Das gesamte Gelände wurde von einem führenden Gartendesigner mit exotischen Pflanzen und architektonischen Highlights gestaltet und war bereits damals weit über die Grenzen des Landes bekannt und als standesgemässe Ruhestätte sehr begehrt.

Vor allem gutsituierte Familien aber auch Künstler und Gelehrte fanden dort ihre Grabstellen, die sie teilweise noch zu ihren Lebzeiten aufwändig und monumental gestalten liessen.
Viele bekannte Namen sind dort auf den Grabsteinen zu finden, von Karl Marx über die Familie von Charles Dickens bis Douglas Adams.

Aber nicht nur Highgate ist ein El Dorado für Gothic Fans und Liebhaber der Viktorianischen Bilderhauerkunst . Kensal Green, Norwood, Nunhead, Abney Park und Tower Hamlets und last not least, mein persönlicher Favorit, Brompton Cemetery , haben sich ihren Zauber und ihre Schönheit über die Jahre erhalten.

Die liebevoll angelegten Gräber, wo sich heute Efeu- und Baumwurzeln einen Weg unter die Grabsteine gesprengt haben, die beeindruckenden Skulpturen und der zugewachsene Park vereinen sich zu einer Mischung aus Viktorianischer Gestaltungskunst, morbider Schönheit und einem Hauch Gothic.

Jeder Friedhof hat seinen ganz eigenen Charme. Manche werden heute noch betrieben, manche wurden zu einem Naturreservat, andere sind in einen Dornröschenschlaf versunken, der nur durch die Raben, Hasen und Eichhörnchen gestört wird, die dort völlig unbehelligt zwischen den Grabsteinen leben.

Brompton, ein Friedhof, der mehr einem verwunschenen Park ähnelt, als einer Begräbnisstätte, wie wir sie kennen, wurde 1840 im Südwesten Londons eröffnet und beherbergt mehr als 200.000 Gräber. Gelegentlich finden dort auch heute noch Beerdigungen statt und daher ist er, im Gegensatz zu den anderen Glorreichen Sieben auch ohne Führer tagsüber frei zugänglich.

Wie bei jedem Besuch denke ich daran, für die Friedhofsraben ein paar Leckerbissen mit in den Rucksack zu packen. Das Tor ist unverschlossen und obwohl Brompton nur ein paar Hundert Meter von Harrods entfern liegt, fühlt es sich an, als betritt man eine andere Welt in einer anderen Zeit. Meist habe ich Glück und ausser mir ist niemand im Park zu sehen.

Zwischen den Grabreihen und Kreuzen huscht und raschelt es stets geschäftig. Kaninchen und Eichhörnchen gehen aufgeschreckt in Deckung, wenn ich die Reihen der Grabengel abschreite und meine “Aufwartung” mache. Wir sind alte Freunde, die Engel und ich und ich kenne sie alle 🙂.

Von ersten Besuch an hat mich das Regiment an Grabengeln verzaubert. Kunstvoll und detailverliebt gemeisselt, betrauern sie mit hängenden Flügeln vergangene Liebe und verlorene Generationen. Sie liegen wie hingegossen auf den Gräbern, angenagt vom Zahn der Zeit, mit abgebrochenen Flügeln und verwitterten Gesichtern. Trotzdem oder gerade deshalb jeder einzelene in seiner morbiden Schönheit ein Kunstwerk.

Jedes Grab, das die schlafenden Engeln bewachen, erzählt seine eigene Geschichte. Die meisten Bestatteten sind mittlerweile längst vergessen, es existieren keine Angehörigen mehr, die trauern. Deshalb empfinde ich die Stimmung dort nicht traurig oder bedrückend sondern geniesse die melancholische Schönheit, wenn ich am Rande des Parks auf einer Decke die Mitbringsel für die Raben auspacke und über einer Tasse Earl Grey meine Gedanken wandern lasse.

Man sagt, Beatrix Potter, die berühmte Zeichnerin und Kinderbuchautorin, die zu ihrer Zeit bekannt war, wie heute Disney, hätte sich Inspiration für die Namen ihrer Figuren von den Inschriften der Grabsteine hier geholt. Sie wohnte ganz in der Nähe und ich stelle mir gern vor, wie sie zwischen den Grabsteinen spazieren ging, den Kopf voller Ideen und beseelt von dem Wunsch, sich finanzielle Unabhängigkeit und Selbstbestimmung mit ihrer Arbeit zu ermöglichen.

“Peter Rabbit” (1901) , heute ein Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur wurde zum Bestseller und für die begabte Künstlerin das Ticket in die Freiheit. Nachdem sie alle Heiratskandidaten, die ihre Mutter auswählte , abgewiesen hatte, verbrachte Potter 47 Jahre im Elternhaus bis sie 1905, endlich finanziell unabhängig, einen Bauernhof im Lake District erwarb. Aus der schüchternen Künstlerin wurde eine der beliebtesten Kinderbuchautorinnen Englands und eine selbstbewusste Farmersfrau mit preisgekrönter Landwirtschaft.

Hier in Brompton fand 1928 auch die berühmte Sufragetten Anführerin Emmeline Pankhurst ihre letzte Ruhestätte. In einer Zeit, in der Frauen nicht wählen durften und über die meisten Belange ihres Lebens nicht frei entscheiden konnten, gründete sie zusammen mit ihrer Tochter Christabel und vier weiteren Frauen die Women’s Social and Political Union. Ihr gesamtes Leben kämpfte sie in der Frauenbewegung, anfangs gewaltlos, dann zunehmend radikaler, für die Rechte der Frauen. Sie war nicht zimperlich und die Methoden der Bewegung umfassten schliesslich sogar Brand- und Bombenanschläge, weshalb Pankhurst mehrmals verhaftet wurde.

Ich glaube, sie ist zufrieden gestorben, denn als das Unterhaus am 29. März 1928 die »Equal Suffrage Bill« verabschiedete und damit endlich allen Frauen im Vereinigten Königreich das Wahlrecht zugestanden wurde , sass Emmeline Pankhurst im Publikum. Sie hat ihr grosses Ziel erreicht.

Bromptons Friedhof - von Junter Desportes - Flickr

Bromptons Friedhof – von Junter Desportes – Flickr

Das Krächzen der Raben, die mittlerweile ganz zutraulich neben mir das unverhoffte Picknick geniessen und Futter Nachschub fordern, bringt mich jedesmal wieder zurück in die Wirklichkeit. Auf dem langen Weg zum Ausgang ,vorbei an endlosen Grabreihen, verwilderten Blumenrabatten und goldverzierten Gedenktafeln, begegnen mir manchmal freiwillige Gärtner, die in der Freizeit den Wildwuchs etwas bändigen und sich ehrenamtlich um die Erhaltung der kunstvollen Statuen und Grabbauten kümmern. Man merkt ihnen an, dass sie diesen Friedhof lieben, seinen Zauber spüren, genau wie ich und von ihnen habe ich so manche spannende oder berührende Geschichte über die weniger bekannten Bewohner des Friedhofs erfahren. Auch die von Fanny Brawne.

Sie war die Geliebte des Dichters John Keats, der 1818 bereits mit 26 Jahren an Tuberkulose starb, bevor er mit seiner geliebten Fanny zusammen kommen konnte. Wobei eine Verbindung mit ihr für den mittellosen Künstler ziemlich aussichtslos gewesen wäre. Als nach dem Tod des Dichters die Liebesbriefe von ihm an seine angebetete Fanny veröffentlicht wurden, lösten die sinnlichen Formulierungen in der sittenstrengen viktorianischen Gesellschaft einen ordentlichen Skandal aus.Ich könnte mir vorstellen, gefallen haben sie ihr trotzdem 😉.

O gib dich ganz! Sei mein sei meinem Flehen!
Gestalt und Antlitz – süsser kleiner Mund –
Himmlische Augen, Hände, die verstehen,
Der warmen Brüste freudevolles Rund…

Während mir die vertrauten Verse von Keats durch den Kopf gehen, endet meine Zeitreise am schweren Eisentor des Haupteingangs, das ich leise hinter mir schliesse und weiss …ich werde bald wiederkommen.

Und wer noch nicht genug hat, unsere Sprachreise nach Devon ist sehr empfehlenswert.

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