Ich bin ein Holidayholic … und liebe meine Sucht

gutes-karma-to-goVon Bettina Marie Schneider

Die ersten Anzeichen eines gewissen Suchtpotentials machten sich bereits während der Pubertät bemerkbar.  Während gleichaltrige Freunde sich Gedanken machten, was sie einmal werden wollten , beschäftigte ich mich mehr mit dem Problem WO ich es werden wollte und wie ich dort hingelangen könnte. Es waren die 70er, Fernreisen oder Urlaub im Ausland ein Wunschtraum, den sich nur die Wenigsten erfüllen konnten, Schüleraustausch und Sabbatical in meiner Welt noch nicht zugänglich und die Reisekasse reichte gerade bis in die nächste Kreisstadt.

Also schrieb ich hoffnungsvoll eine Bewerbung für den Posten als Baybysitter an meinen damaligen Schwarm, Paul Mc Cartney, dessen Tochter Stella ich in USA hüten wollte. Ich war am Boden zerstört, als die freundliche aber bestimmte Absage seines Managements signalisierte, dass diese Idee  nicht auf die erhoffte Resonanz gestoßen war, schmiedete aber bald neue Pläne.

Mittlerweile volljährig, mehrsprachig und so abenteuerlustig, wie man es in diesem Alter nur sein kann, versuchte ich mein Glück als Stewardess bei der deutschen Lufthansa. Dort war Einstellungsstopp und mit mir ungefähr 2000 Bewerberinnen die auf einen der 20 Plätze im nächsten Lehrgang hofften , wann immer dieser stattfinden sollte. Ich  zog vorsichtshalber trotzdem schon einmal nach Frankfurt, blickte sehnsuchtsvoll den Flugzeugen beim Start nach und verdiente meine Brötchen bei einer Werbeagentur. Die ungewohnte Großstadt war immerhin schon ein Fortschritt, fremd und abenteuerlich wie ein anderer Kontinent,  für ein unerfahrenes Landei wie mich , trotzdem nagte nun, so kurz vor dem Ziel , die (Sehn)Sucht nach fernen Ländern, fremden Kulturen und neuen Eindrücken unbarmherzig und wollte endlich befriedigt werden.

Als nach einem schier endlos langem Jahr des Wartens tatsächlich die ersehnte Einladung zum Vorstellungsgespräch und dem dreitägigen Auswahlverfahren nach KO Prinzip im Briefkasten lag , konnte ich mein Glück kaum fassen. Ein wenig ähnelte das Einstellungs- Prozedere der damaligen Zeit den aktuellen Casting Shows der privaten Sender. Nur dass in der Jury nicht Dieter Bohlen und co unverblümt und ein wenig von oben herab Aussehen, Talent und Qualifikation beurteilten sondern ein gestrenges Gremium aus alten Hasen der Fliegerei und Psychologen, die außer ein paar Zentimetern  zu wenig Körpergröße zum Glück wenig an mir auszusetzen hatten. Ich versprach, bis zum Kursbeginn noch ein wenig zu wachsen und hatte den begehrten Job.

Für mich war es vom ersten Tag an nicht nur Beruf sondern Berufung und bis heute bringt der Geruch von Kerosin bei mir heimelige Gefühle hervor, vergleichbar mit dem Duft des Rasierwassers der ersten großen Liebe  oder von frischgebackenen Weihnachtsplätzchen . Ein Hauch von Heimat und schönen Erinnerungen.

Ehe Lufthansa privatisiert wurde und sich gnadenlos auf den immer härter werdenden internationalen Wettbewerb einstellen musste, war sie eine Arbeitgeberin, die ihre Mitarbeiter auf Händen trug. All die Gerüchte, die Sie über das dolce vita Leben des Flugpersonals in früheren Zeiten gehört haben, sie sind wahr 🙂.

New York, Rio, Tokio, London, Sidney, Nairobi, immer für einige Tage, immer in schönen Hotels und …Passagiere und Kollegen, wie ich sie heute an Bord nicht mehr sehe. Ich reiste und reiste und reiste. Im Urlaub reiste ich auch und verlor über dieser Sucht ganz nebenbei jegliches Gefühl für Tages- und Nacht Rhythmen, Jahreszeiten, soziale Kontakte und Realität. Immer auf dem Sprung zwischen Kunst, Kultur, Shopping und neuen Entdeckungen, neuen Menschen und neuen Orten,  gingen die Dienstjahre buchstäblich wie im Flug vorbei.

Aber wie immer, wenn etwas im Übermaß genossen wird, irgendwann kommt das Katergefühl. Die Folgen des ständigen Wechsels zwischen Klima- und Zeitzonen machten sich unangenehm bemerkbar,  Lufthansa wandelte sich unaufhaltsam zu einem Konzern mit neuen Regeln, die mir nicht gefielen und aus dem Berufsbild der  “Stewardess”  wurde die  Flugbegleiterin. Das machte den Ausstieg leichter. Ich wollte an den Feiertagen bei meiner Familie sein, wollte Kinder, meine Katze nicht mehr so oft alleine zurück lassen, nur noch mit meinem Mann reisen und hängte schließlich schweren Herzens aber entschlossen den Job an den Nagel und die geliebte Uniform auf den Dachboden.

Bald  war ich also trockener Holidayholic, mit Kind, das zwar zum Glück ebenfalls eine ordentliche Portion Reisegene mitbekommen hatte und unkompliziert und vergnügt jede Landeskost begeistert probierte, in jedem Hotel zuhause war und notfalls auch die unvermeidlichen Museenbesuche und Konzerte  klaglos ertrug aber Fernreisen, auch spontane Ausflüge  waren nur noch seltenst machbar. Arbeits- Schul- und sonstige Verpflichtungen mußten berücksichtigt werden, die verfügbare Zeit war knapp  und, last not least, reisen kostete jetzt auch richtig Geld, schließlich wurde meine Sucht nicht mehr vom Arbeitgeber subventioniert 🙂.

Andere, ebenfalls sehr erfüllende  Dinge nahmen den Platz ein, bis ich schließlich gar nicht mehr wußte, dass mir etwas fehlte. Das änderte sich schlagartig, als unsere Tochter erwachsen und aus dem Haus war. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass das Loch in das ich dann fiel so schwarz und so tief sein könnte. Ich freute mich, sie in die Welt ziehen zu sehen, war beruflich ausgelastet, das gern zitierte soziale Umfeld war vorhanden…und trotzdem,… jetzt erst, zeitversetzt kamen die Entzugserscheinungen, schreckliche Entzugserscheinungen, die ich erst gar nicht einordnen konnte. Zwar war ich mittlerweile aus der Übung gekommen, etwas weniger spontan, etwas weniger mutig in der Auswahl der Reiseziele, aber das änderte sich sehr bald wieder, mit jeder neuen Dosis Reise ging es besser.

Dieser neue Abschnitt in der Suchtkarriere benötigt nur noch mildere Drogen. Fernreisen in Länder, die sich über die Jahre meist nicht zu ihrem Vorteil verändert haben, überlasse ich gerne anderen, verspüre  weder das Bedürfnis in Dubai bei 40 Grad in einer künstlich herunter gekühlten Halle Ski zu fahren noch aus Prestigegründen zum Shoppen nach New York zu jetten. Europa reicht mir völlig aus und  ist einfach wunderbar, vielseitig, spannend, alle Destinationen sind gut erreichbar und ermöglichen so Reisepläne, die sich auch einmal nur über ein langes Wochenende verwirklichen lassen.

Besuche bei Freunden, Festivals, Kultur, Städtereisen, zauberhafte Inseln,  alles vor der Türe und mit ein wenig Planung immer machbar, wenn der Holidayholic gerade wieder einmal die Oberhand gewinnt. Gibt es etwas schöneres als Koffer packen, Flughäfen, Bahnhöfe, Hotels und fremde, neue Orte und Menschen  oder Lieblingsziele, die man immer wieder neu entdecken kann?

Einmal im Monat findet übrigens bei mir zuhause ein Treffen der anonymen Holidayholicer statt. Kommen Sie gerne vorbei, wir planen dann jeweils die nächste Reise 🙂

Foto: Achtental Team, Flickr.com

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