Pioniere des langen Lebens

VON DR. ANTONIA JANN, Age-Stiftung

Foto: Giorgio von Arb

Nie hätte meine Schwiegermutter gedacht, dass sie dereinst 94 Jahre alt würde, zu jener Zeit, als sie geboren wurde, war dieses hohe Alter eine Ausnahme. Sie gleicht einer literarischen Figur aus ihren Büchern, wenn sie sich mit dem Stock mühsam vorwärtsbewegt. Seit einem Jahr lebt sie im Altersheim und freut sich jedes Mal, wenn sie aus dem Speisesaal zurück nach Hause kommt – in ihr Zimmer. Hier lebt sie mit der niedrigsten Pflegestufe und benötigt wenig Unterstützung. Trotz ihrem Alter und ihren Einschränkungen gilt sie nicht als pflegebedürftig und gehört damit zur grossen Gruppe, die sich ausserhalb der gesellschaftspolitischen Wahrnehmung befindet, wenn man über «das Alter» spricht.

Diese Diskussion verläuft nämlich hauptsächlich im Bezugsrahmen unseres Gesundheitssystems und dreht sich um ambulante Pflege und um Langzeitpflege. Das ist keine Überraschung, denn auch in unseren Gesetzen wird das Alter hauptsächlich im Gesundheitswesen abgebildet. Angesichts der demografischen Alterung ist es jedoch nötig, den Blick über das Gesundheitssystem hinaus ausweiten, um Lösungen zu schaffen, die es alten Menschen erlauben, ihre Ressourcen möglichst lange für das selbstständige Leben einzusetzen. Es braucht gute Lebens- und Wohnbedingungen, um den Eintritt in ein Heim so lange wie möglich herauszögern.

Das Schaffen von guten Lebensbedingungen gehört jedoch nicht zum Gesundheitssystem und deshalb gibt es auch keine gesetzliche Vorschrift, was dazu angeboten werden müsste. Zwar engagieren sich viele Akteure mit Unterstützungsangeboten für das Wohnen zu Hause, doch werden diese selten in ein tragfähiges Gesamtsystem eingebunden. Das macht eine koordinierte Zusammenarbeit unter den Dienstleistern schwierig und Lücken in der Angebotskette werden oft nicht erkannt. Alte Menschen und ihre Angehörigen schlagen sich derweil auf eigene Faust und ohne Kompass oder Karte durch das Dickicht zwischen Gesundheitswesen, Langzeitpflege und privaten Aufgaben. Sie müssen sich selbst zurechtfinden, was allzu oft zu einer unbefriedigenden und schwer zu koordinierenden Lebenssituation führt.

Individuelle Verantwortung
Zugegeben, es nicht möglich, das Älterwerden oder das Altsein genau zu planen, zu vielfältig und ungewiss sind die Probleme, die auftauchen können. Dennoch ist das Leben nach der Berufs- und Familienphase eine Zeit die mitgestaltet werden kann und muss. Auch wenn die Familie in schwiergen Zeiten nach wie vor eine zentrale Rolle spielt, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Angehörige persönlich betreut werden können: Die Zahl der kinderlosen Personen nimmt zu, Frauen gehen vermehrt einer Berufstätigkeit nach und räumliche Distanzen zwischen Angehörigen sind grösser geworden. Wir müssen uns bewusstwerden, dass Hilfestellungen etwas kosten, ob sie nun vom Sohn, der Enkelin oder einem professionellen Dienstleister erbracht werden – Hilfeleistungen sind nicht nur etwas wert, sie haben auch einen Preis.

Das ist neu, denn für die Generation unserer Grosseltern war das Thema Alter ein «Versorgungsthema», bei dem die öffentliche Hand in der Pflicht stand, wenn die familiären Leistungen nicht erbracht werden konnten. Heute wird es zunehmend vom Markt entdeckt. Neben den traditionsreichen gemeinnützigen Organisationen wächst die Zahl der neuen Anbieter von Dienstleistungen, Sicherheitstechnik und seniorengerechten Produkten. Auch die Gemeinden müssen ihre Rolle im Thema Alter neu definieren. Sie können nicht mehr alles selber machen, sondern müssen versuchen, die Angebote zu orchestrieren, Akteure miteinander in Kontakt zu bringen, Anreize zu setzen, dass keine Lücken in der Angebotskette entstehen und dafür zu sorgen, dass ressourcenschwache alte Menschen in schwierigen Phasen nicht nur beraten, sondern auch begleitet werden.

Wir leben heute in einer historisch neuen Konstellation von alten und jungen Menschen und anders als meine Schwiegermutter, können wir damit rechnen, dass wir ein hohes Alter erreichen. Das bedeutet, dass bisherige Ansätze in der Altersarbeit mit neuen Komponenten ergänzt werden müssen. Dies verlangt nach Pionierleistungen. Glücklicherweise sind die Chancen, dass diese auch entwickelt werden gut, denn die Babyboomer, die langsam ins Alter kommen, haben schon in ihrer Jugend gesellschaftliche Normen gesprengt und neue Verhaltensweisen etabliert.

Um diese neuen Realitäten sichtbar zu machen, startet das Magazin 50plus eine Serie zum Thema Wohnen. Sie soll aufzeigen, welche Gedanken sich Frauen und Männer zum Älterwerden machen und welche Rolle die Wahl ihrer Wohnsituation dabei spielt.

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