Der Wald ist Medizin – erster Teil

Clemens Arvay - Foto: Lukas Beck

Clemens Arvay – Foto: Lukas Beck

Der österreichische Biologe und Pflanzenwissenschafter Clemens Arvay beschreibt in seinem Buch «Der Biophilia-Effekt», wie heilsam Wald und Gärten nicht nur für unsere Psyche, sondern auch für unsere Gesundheit sind. Bäume und Sträucher stärken unser Immunsystem, senken den Blutdruck und wirken als Krebsprophylaxe.

Dipl.-Ing. Clemens G. Arvay, Biologe und Buchautor, studierte Landschaftsökologie und angewandte Pflanzenwissenschaften in Wien und Graz.

Ein Gespräch mit einem Wissenschafter, der oft fälschlicherweise für einen Esoteriker gehalten wird.

Von Kurt Aeschbacher

Wie viel Zeit verbringen Sie jeden Tag im Wald?
Ich habe praktisch mein gesamtes Leben am Waldrand verbracht. Schon aus dem Fenster meines Kinderzimmers konnte ich in einen grossen Wald sehen. Im Sommer hörte ich in der Nacht die geheimnisvollen Rufe der Waldkauze. Ich gehe auch heute noch, nach Möglichkeit, jeden Tag in den Wald. Ich betreibe Sport ausschliesslich im Wald-Gelände: Laufen und Rad fahren.

Umarmen Sie dabei Bäume und führen mit ihnen Gespräche?
Ich persönlich umarme keine Bäume. Dennoch möchte ich Menschen, die Bäume umarmen, keinesfalls belächeln. Seit meinen Recherchen über die Heilkräfte des Waldes weiss ich, dass die Borke der Bäume eine besonders reiche Quelle für sekundäre Pflanzenstoffe ist, sogenannte «Terpene», die über biologische Wege unsere Gesundheit schützen. Wenn jemand einen Baum umarmt, bewegt er sich besonders nahe an diese Quelle heran und nimmt die Substanzen über die Atmung und die Haut auf. Vielleicht haben Menschen, die Bäume umarmen, schon immer intuitiv gespürt, dass da etwas ist, das ihnen guttut. Wir sollten keine Berührungsängste mit Bäumen haben. Seriöse wissenschaftliche Studien haben bewiesen, dass alleine der Ausblick auf einen Baum – zum Beispiel durch das Krankenhausfenster – die Selbstheilungskräfte des Körpers weckt. Bäume sind ganz anders als wir, aber wir haben eine lange gemeinsame Entwicklungsgeschichte mit ihnen. Man nennt das «Co-Evolution».

Pflanzen scheinen untereinander zu kommunizieren.Wie funktioniert dieses Kommunikationssystem?
Pflanzen benutzen chemische «Wörter». Das sind Moleküle, die im Reich der Pflanzen bestimmte Bedeutungen tragen. Zum Beispiel können Pflanzen sich untereinander informieren, wenn Schädlinge angreifen. Sie teilen einander sogar Angaben über die Art und die Stärke des Angriffs mit. Diese «Pflanzenvokabeln» gehören in die chemische Gruppe der Terpene. Damit können sich Bäume im Wald gemeinsam gegen solche Schädlinge wappnen. Kooperation spielt in der Natur eine grosse Rolle.

Wie profitieren wir Menschen von diesem Austausch an Informationen?
Unser Immunsystem reagiert auf die Baum-Terpene im Wald nachweislich mit einer deutlichen Steigerung der Abwehrkräfte. Zum Beispiel haben wir nach Waldspaziergängen mehr natürliche Killerzellen im Blut. Diese Zellen eliminieren Viren und kämpfen gegen Tumorzellen und solche, die es noch werden könnten. Auch die Produktion der drei wichtigsten Anti-Krebs-Proteine des Immunsystems, mit denen es Krebszellen «beschiesst», nimmt durch den Aufenthalt im Wald zu. Das deckt sich mit Erkenntnissen internationaler Krebsforscher, die belegt haben, dass dieselben Baum-Terpene im Labor Tumore zum Rückzug zwingen können. Die Terpene aus den Pflanzen sind ein sehr vielversprechender Ansatz für eine erfolgreiche Krebstherapie der Zukunft, die ohne Chemotherapeutika auskommen wird.

Wie nimmt unser Körper solche Stoffe auf?
Terpene kommen gasförmig in der Waldluft vor und wir nehmen sie beim Atmen über die Lungen auf sowie über den Kontakt mit Haut und Schleimhäuten. Es ist wie eine natürliche Aromatherapie im Wald.

Was bewirken sie neben der Stärkung unseres Immunsystems?
Neben den bereits erwähnten natürlichen Abwehrstoffen des Immunsystems fördern die Terpene zum Beispiel auch die Bildung einer körpereigenen Herzschutzsubstanz, die man «DHEA» nennt. Das ist ein Steroidhormon, welches uns vor Gefässverengung, Bluthochdruck und Herzinfarkt schützt. Der Wald wirkt aber immer als eine Kombination aus chemischen und sinnlichen Einflüssen auf uns ein.

Fortsetzung des Interviews

 

Titelbild: Mike Powell – flickr.com

 

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