Von Softwareentwickler zum Biobauer

Nichts ist in Stein gemeisselt, heisst es so schön. Das gilt auch für die Berufswahl. Oft ist es so, dass jemand sich mit Begeisterung für einen Job entscheidet, diesen einige Jahre oder Jahrzehnte ausübt und dann feststellt, dass es das doch noch nicht gewesen sein kann. Es fehlt die Herausforderung oder ganz einfach der Spass. Ein Neustart ist angesagt. Nur, es ist gar nicht so einfach, die sichere Existenz aufzugeben und wieder von vorne zu beginnen. Dazu gehört Mut zum Risiko, dann zahlt es sich aus.

Von Benedikt Lachenmeier

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Stundenlang lasen Bruno Muff und sein Bruder Stefan Satellitenbilder und Landschaftskarten mittels selbst entwickelter Software in den Computer ein, um diese mit der digitalen Welt zu teilen. Das war vor rund 25 Jahren, das Internet steckte damals noch in den Kinderschuhen. Zehn Jahre suchten die beiden nach einem Abnehmer, «aber man meinte, die Idee sei nicht so modern». Als Google anklopfte, verkauften die Brüder ihr Unternehmen. Aus dem Kartenmaterial entstanden «Google Earth» und «Google Maps». «Ich bin jemand, der gerne eine Pionierphase durchlebt, jemand, der eine Vision zu einer Realität umsetzt», erklärt Muff. Da sein «Kind» flügge geworden sei, habe er sich von der IT-Branche abgewandt, um nochmals komplett neu zu starten. «Ich wollte nicht bis ich vom Stuhl falle programmieren.»

Mit der gleichen Begeisterung pflegt der 49-Jährige heute 450 Obstbäume, brennt aus den Früchten Schnäpse, verkauft Wolle und Bio-Kosmetikartikel und lebt mit seiner Familie auf einem Bio-Bauernhof in Weggis am

Vierwaldstädtersee. Für den Landwirt die Verwirklichung eines Traumes, den er bereits während seiner IT-Zeit hatte. Deshalb habe er eine Landwirtschaftsausbildung gemacht. Das Wissen setzt Muff ein für die Herstellung seiner inzwischen rund 200 Produkte, für alte Rezepte stöbert er in Büchern aus dem 18. Jahrhundert. Besonders stolz ist der Biobauer auf seine neueste Kreation. «Wir stellen einen Bio-Gin aus Kräutern von der Rigi her. Wir verkaufen also statt einem ‹London Dry Gin›, einen ‹Rigi Dry Gin›.» Das sei die Herausforderung, die er täglich beim Aufstehen am Morgen habe: seinen Grundsätzen treu zu bleiben und regional und biologisch zu produzieren.

Wie e

s sich für einen Tüftler gehört, hat Muff auch eine Lösung gefunden, seine gefährlich steilen Hänge mit den Obstbäumen zu mähen. Statt Kühen setzt der kreative Bauer Lamas und Alpakas ein. «Da diese Tiere keine Hufe haben, machen sie mir das Land nicht kaputt.» Und weil Stricken wieder im Trend liege, könne er auch deren Wolle bestens verkaufen.

Auch sonst laufe das Geschäft wunderbar, für die Schnäpse gäbe es sogar Wartelisten. Aber: «Wir schreiben eine gute schwarze Null. Das reicht.» Ein industrieller Betrieb wolle er nicht sein. Für seinen Hof steht Muff jeden Tag um sechs Uhr auf und arbeitet bis um Mitternacht. Mit Freude. «Es ist ein Privileg, mitten im Leben nochmals etwas Neues aufzubauen», schwärmt er. Wann gönnt sich der Biobauer Ferien? «Gar nicht. Ich muss vor nichts flüchten. Hier ist es am schönsten» – sagts und macht sich mit einem breiten Lachen im Gesicht wieder an die Arbeit.

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