«Die Lust aufs Neue ist immer da» – Interview mit Maya Onken – 1. Teil

Maya Onken - www.maya-onken.ch

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Maya Onken ist Coach, Mutter, Autorin, Zumba-Instruktorin, Ehefrau und Geschäftsführerin. Mit dem Thema Lebensübergänge kennt sie sich privat wie beruflich bestens aus. Im Gespräch mit Maja Hartmann erklärt sie, warum es nie zu spät ist, warum sie keinen misslungenen Lebensübergang kennt und warum man im Leben jede Praline unbedingt gekostet haben sollte — auch die, die man nicht mag.

VON MAJA HARTMANN

Durch Ihre Arbeit als Coach erleben Sie viele Menschen mitten in einem Lebensübergang. Gibt es ein Alter, das prädestiniert ist für einen Umbruch?
Die Menschen, die ich in der Übergangsphase zwischen zwei Lebensabschnitten begleite, sind meistens zwischen vierzig und fünfundfünfzig. Denn in der Lebensmitte überlegen sich viele Menschen, ob sie auf dem richtigen Weg sind und ob das, was sie tun, auch wirklich das ist, was sie möchten.

Und wie lautet normalerweise die Antwort?
Viele merken in dem Moment tatsächlich: Nein. Und dann möchten sie etwas ändern.

Ist das, was wir heute als «Lebensübergang» bezeichnen, also nichts anderes als die gute alte Midlifecrisis?
So gesehen, ja. Aber die «Crisis» kann gewisse Menschen auch schon früher erreichen. Und es muss auch nicht immer eine «Crisis» sein! Manchmal sind es auch einfach Kumulationen von Umständen, die jemanden wach werden lassen und zu einer Veränderung bewegen.

Was sind typische Auslöser für eine solche Veränderung?
Das kann eine krasse Veränderung im Beruf sein – eine Kündigung zum Beispiel. Oder das private Umfeld verändert sich, man wird verlassen, man verlässt oder hat eine Affäre… Das sind Momente, in denen Menschen merken: Irgendetwas ist nicht gut in meinem Leben, eine Veränderung bahnt sich an. Diese Menschen sagen mir im Coaching oft: «Ich will es anders. Aber ich weiss nicht, wie!» Sie müssen erst herausfinden, was es ist, das nicht stimmt. Und dann gilt es zu ermitteln, wie man es ändern könnte. Darum bewältigt man eine Krise auch nicht von heute auf morgen…

Etwas, das im ersten Moment als Krise wahrgenommen wird, kann sich also auch als Chance entpuppen?
Ja, immer! Man kann immer dankbar sein, wenn man einen Warnschuss erhält, der sagt: «Verschlaf dein Leben nicht! Wach auf! Mach etwas daraus!» Er stellt Fragen wie: «Bist du nah bei dir? Machst du wirklich das, was deinen Begabungen entspricht?»

Hand aufs Herz: Ist es denn nicht etwas spät, wenn man sich Mitte vierzig erst fragt, wo die eigenen Begabungen liegen?
Ich finde, es ist nie zu spät! Auch mit achtzig nicht, denn wir leben heute ja viel länger. Früher sagte man einem Fünfzigjährigen, der sich beruflich verändern wollte: «Du bist wahnsinnig!» Heute müssen wir ihm sagen: «Ja, hoffentlich machst du das!» Man kann sein Leben in jedem Alter gestalten. Heute nähern sich die Menschen ab Fünfzig immer mehr dem, was ihnen am besten entspricht. Viele setzen dann ihre Träume um.

Und trotzdem: Lebensübergänge jagen den meisten von uns ganz schön Angst ein. Ist das die Angst vor dem Neuen oder die Angst, das Gewohnte zu verlieren?
Eigentlich weder noch. Denn die Lust aufs Neue ist immer da. Und der Überdruss vom Alten auch. Aber die meisten Menschen haben Angst davor, den neuen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, nicht kompetent oder stark genug zu sein. Zu diesen Selbstzweifeln kommen oft entmutigende Kommentare aus dem Umfeld dazu, wie: «Bist du sicher?», «Bist du nicht schon zu alt?», «Hast du einen Businessplan?», «Hast du genug Geld?», «Weisst du überhaupt, wie das geht?» Das kann einen ganz schön hemmen. Darum sage ich: Wenn man einen Traum verwirklichen möchte, muss man auf die Leute hören, die einen unterstützen, nicht auf die Zweifler. Sonst hat man nie den Mut, ins kalte Wasser zu springen.

Das kann doch sicher auch schiefgehen… Haben Sie schon einmal erlebt, dass es bittere Konsequenzen hatte, als jemand sein Leben komplett verändert hat?
…(überlegt lange, dann:) Nein. Es fällt mir nur eine Frau ein, die lange darauf hingearbeitet hatte, sich scheiden zu lassen. Als sie es getan hatte, wurde es sehr schwierig für sie. Aber ich glaube, das hatte viel mit den Menschen zu tun, die sie umgaben. Sonst kenne ich eigentlich niemanden, der seine Veränderung bereut hat. Klar, manchmal stellt sich der berufliche Erfolg, den sich jemand durch die Veränderung erhofft hatte, nicht so schnell ein wie gedacht. Aber dennoch sind die Leute zufrieden, es gewagt zu haben, und recht happy unterwegs… Es ist eben immer ein Abwägen zwischen dem emotionalen Gleichgewicht und dem materiellen Erfolg.

Was ist wichtiger?
Lustigerweise sind diese zwei Dinge immer verknüpft: Menschen, die das machen, was sie gern haben und worin sie gut sind, haben am Schluss immer Erfolg! Im Gegensatz zu denen, die irgendwo in einer vermeintlichen «Karriere» feststecken und Tag für Tag Dinge tun, die ihnen nicht entsprechen. Die wundern sich vielleicht, wenn sie plötzlich eine Kündigung erhalten, aber sind im Nachhinein meistens froh darüber. Denn sie finden heraus: «Ich wollte da ja gar nicht sein!»

Wenn man also verhindern will, dass man  irgendwann vor einem schwierigen Lebensübergang steht, muss man sich laufend hinterfragen?
Ja. Um im eigenen Glücksfluss zu bleiben, ist es wichtig, regelmässig die Wassertemperatur zu messen. Man sollte auch immer wieder auf den Leuchtturm steigen und sich von oben beobachten. Sehen, was man eigentlich so treibt. Ist es überhaupt das, was man will? Fühlt es sich richtig an? Kurz: Wir dürfen unseren Selbstkontakt nicht verlieren. So können wir kleine Korrekturen rechtzeitig vornehmen, bevor es zur Krise kommt.

Das wäre ja eigentlich nicht so schwer. Warum klappt es oft nicht?
Weil die Menschen meist gar nicht dazu kommen, innezuhalten und sich über ihre philosophischen Lebenskonzepte Gedanken zu machen. Sie haben es streng: die Kinder, der Mann, die Frau, der Alltag! Es gibt immer Gründe, viel zu viele… Und dann passiert es eben, dass ein längst überfälliger Schlussstrich von aussen gezogen wird. Man bekommt ein tolles Jobangebot oder wird gekündigt. Oder der Mann kommt nach Hause und sagt, er ziehe morgen aus…

Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews hier.

Das Interview erschien in unserem Magazin 50plus im Juni 2015. In der Ausgabe vom Oktober 2015 werden wir das Thema Neuanfang beleuchten.

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