Vom Oberen zum Unteren Hauenstein

Eine Frühlingswanderung im Grenzgebiet von Baselbieter und Solothurner Jura verbindet die Gegend des Oberen mit jener des Unteren Hauensteins. Höhepunkt der West-Ost-Tour ist die aussichtsreiche Belchenflue, ein Ort der Kraft.

von Franz auf der Maur

Gerade zehn Kilometer Luftlinie trennen zwei Passübergänge, durch welche die Region Basel mit dem schweizerischen Mittelland verbunden wird: den Oberen Hauenstein zwischen Waldenburg und Balsthal vom Unteren Hauenstein zwischen Sissach und Olten. Die beiden Jura-Übergänge, seit der Römerzeit benutzt, haben in jüngster Zeit an Bedeutung verloren. Sowohl Eisenbahn wie Autobahn führen heute durch statt über den Berg.

In Langenbruck – einem Baselbieter Dorf, obwohl an der Südrampe des Oberen Hauensteins gelegen – beginnt der Aufstieg über Dürstel und Gwidem zur Belchenflue. Bewusst sind die knapp 400 Höhenmeter als einzige nennenswerte Steigung des Tages an den Beginn der Wanderung gesetzt worden. Natürlich lässt sich das Unterfangen auch in umgekehrter Richtung unter die Füsse nehmen. In diesem Fall endet es mit einem Abstieg von ebensolchem Höhenunterschied nach Langenbruck.

Tessiner in der Festung
Das Hauensteingebiet ist Militärland. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 befestigte die Schweizer Armee unter General Ulrich Wille diese Barriere aus Kalkgestein, um einem möglichen Angriff aus Norden durch die Deutschen oder aus Nordwesten durch die Franzosen entgegenzutreten. Ein guter Teil der Wanderroute verläuft auf einer geschotterten Versorgungsstrasse der «Fortifikation Hauenstein». Farbige Kantonswappen am Wegrand erinnern an die hier stationierten Truppen; sogar Soldati ticinesi aus dem Südkanton standen in der Festung unweit unserer Nordgrenze auf der Wacht.

Gut getarnte Betonbunker im Wald und Panzersperren stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz einen Überfall durch Nazideutschland befürchten musste. Noch immer ist das Militär hier präsent, etwa durch drei Schiessplätze für Infanteriewaffen im Süden der Challhöchi. Der kurze Abstecher von der fast 100 Jahre alten Versorgungsstrasse auf die Belchenflue lohnt sich. Erleichtert wird er durch einen Zickzack-Treppenweg, erstellt mithilfe der Leichten Truppen, und stolz Tremola genannt. Oben, wo die Kantone Basel-Landschaft und Solothurn aneinanderstossen, wird es esoterisch und geologisch zugleich. Der Felszahn auf knapp 1100 Metern Meereshöhe gilt seit Jahrtausenden als starker Kraftort. An dieser Stelle soll der Keltengott Belenus verehrt worden sein – daher der Bergname.

Saurier unter der Tropensonne
Von der gut gesicherten Aussichtsplattform aus sind zwei weitere Kultstätten gleichen Namens zu erkennen: der Elsässer Belchen in den Vogesen (Grand Ballon) und der Schwarzwälder Belchen jenseits des Rheins. Akustisch untermalt wird der Tiefblick ins Diegter Tal bei Eptingen durch das Dauerbrausen am Nordportal des stark befahrenen Belchen-Autobahntunnels.

In der Gegenrichtung erstreckt sich jenseits des Mittellandes das Alpenpanorama vom Säntis bis zum Moléson; bei klarem Wetter erkennt man auch als weit entferntes Winzigspitzchen den Mont Blanc, mit 4808 m ü. M. Europas höchsten Berg.

Einen ganz anderen Blick zu tun erlaubt eine bunte Informationstafel auf der Belchenflue. Sie erläutert die Geologie unserer Wanderregion anhand der langsamen Verschiebung ganzer Kontinente während der Erdgeschichte. Vor gut 200 Millionen Jahren gab es noch kein Juragebirge, und die Stätte unserer Aussichtsrast lag unter der Tropensonne am Rand eines Meeres. Saurier trabten durch den Uferwald aus Schachtelhalmen und wären wohl sehr erstaunt gewesen, hätten sie einen Zukunftsblick ins Jahr 2012 n. Chr. werfen können. Lösliche Gipsablagerungen aus jener fernen Vergangenheit liefern übrigens das Kalziumsulfat des Eptinger Mineralwassers.

Apropos Mineralwasser: Auf halbem Weg zwischen der Belchenflue und dem Wanderziel, dem Dorf Hauenstein hart südlich des unteren Hauensteinpasses, lädt das Bergrestaurant «Kallhof» zu einer weiteren Rast. Und wer sich statt des Kalziumsulfattrunks jetzt gerne etwas Alkoholisches gönnen möchte, darf dies guten Gewissens tun – auf der letzten Etappe dieser durchgehend gut markierten Frühlingstour quert man auf problemlosen Wegen den Sonnenhang des Ifleterberges. In der Tiefe verläuft der 2500 Meter lange alte Hauensteintunnel nordwärts nach Läufelfingen.

hauenstein2Opfer des Eisenbahnbaus
Dieses Pionierwerk der Eisenbahngeschichte wurde zwischen 1852 und 1857 durch eine englische Gesellschaft erbaut. Als die Holzverschalung eines Schachts in Brand geriet und einstürzte, starben 90 Arbeiter. An die heute weitgehend vergessene Katastrophe erinnert ein kleines Denkmal. Nach Eröffnung des Hauenstein- Basistunnels 1915 wurde die Bahnstrecke zwischen Olten und Sissach über Läufelfingen, eine der landschaftlich schönsten im Jura, zur Lokalverbindung degradiert. Vor einer Weile war sie von der Einstellung bedroht, doch nun verkehrt sie als S-Bahn S9 unangefochten im Stundentakt.

Route
Langenbruck (708 m)—Dürstel (805 m)— Gwidem (858 m)—Belchenflue (1098 m)— auf der weitgehend verkehrsfreien Versorgungsstrasse der «Fortifikation Hauenstein» zum General-Wille-Haus (869 m)—Challhöchi mit Berggasthaus «Kallhof» (848 m)—Chesselberg am Ifleterberg (741 m)—Hauenstein Dorf (674 m).

Wanderzeit
4 Stunden mit knapp 400 Metern Steigung und gut 400 Metern Gefälle.

Öffentlicher Verkehr
Mit Postauto der Linie 94 Waldenburg—Balsthal nach Langenbruck am Oberen Hauenstein. Ab Hauenstein Dorf am Unteren Hauenstein mit Bus der Linie 506 nach Olten.

Karten
Landeskarte der Schweiz 1 : 25 000, Blatt 1088 «Hauenstein». Landeskarte 1 : 50 000, Blatt 224 «Olten». Wanderkarte 1 : 50 000, Blatt 224 T «Olten».

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