Ein Abstecher ins Oberwallis bei Brig

Stockalper-Palast.Von Bern nach Brig in nur einer Stunde: durch den Lötschberg-Basistunnel ist das Oberwallis der «Üsserschwiz» zeitlich ein gutes Stück näher gerückt. Eine abwechslungsreiche Wanderung dokumentiert den Landschaftswandel, verursacht durch das Ineinanderwirken von Umweltbedingungen und Menschenwerk.

Von Franz auf der Maur

Es ist nicht immer leicht, zu Beginn einer Wanderung aus grösseren Siedlungen hinauszufinden. Bei Brig, Hauptort im Oberwallis unter dem markanten Glishorn, fällt dieses Einfädeln auf den richtigen Weg hinaus in die Landschaft leicht: Man orientiere sich einfach am stolzen Stockalperpalast mit seinen Zwiebelhaubentürmen. Hier an der Ostseite des Monuments beginnt der Aufstieg in nordöstlicher Richtung nach Termen. Mehr über Brig dann am Schluss des Textes … und der Rundwanderung.

Jetzt geht es hinan zum ersten Zwischenziel. Anfänglich nervt die stellenweise recht steile Passage, wie oft in Siedlungsnähe, mit Hartbelag (Goudron sagen die Walliser dem Asphalt), dann aber zeigen sich Wegverhältnisse und Umgebung bald von der ländlichen Seite. Wassergräben im Gelände, die Suonen, zeugen von der Notwendigkeit der Bauern, im sommerheissen Alpental gegen die Trockenheit zu kämpfen.

Kleinräumig-nachhaltige Nutzung
Jetzt im Frühling werden die Leitungen für den Betrieb instand gestellt. Die früher übliche flächenhafte Bewässerung ist inzwischen weitgehend durch sparsamere Sprinkleranlagen abgelöst worden. Zwischen den Weilern Underi Biela und Biela zweigt gegen Westen ein kurzer Naturlehrpfad ab, der die Zusammenhänge zwischen traditioneller Landwirtschaft und den Vorkommen bedrohter Tier- und Pflanzenarten aufzeigt. Biologisch vielfältige Lebensräume wie Magerwiesen oder Felsensteppen können sich nur dort halten, wo unter Verzicht auf intensive Düngung eine kleinräumig- nachhaltige Bodennutzung erfolgt.

Im Oberwallis kommt die wirtschaftliche Entwicklung dieser Tendenz erfreulicherweise entgegen: Weil Industrie und Dienstleistung genügend Arbeitsplätze anbieten, werden die meisten Bauernbetriebe nur noch im Nebenerwerb geführt. Die sauren Böden in teils extremer Hanglage würden ohnehin zu wenig hergeben, um eine Familie mit den Konsumgütern der Moderne zu versorgen. So weiden denn nun meist bloss noch einige Schwarznasenschafe oder Schwarzhalsziegen auf den Fluren, deren Randlagen oft von Buschwerk überwuchert werden.

Die Kehrseite des Landschaftswandels ist auf unserer Rundtour um Brig offensichtlich: Gewerbebauten und Verkehrsanlagen nehmen den Talboden in Beschlag, und rund um die alten Ortskerne wuchern Neubausiedlungen. Dies zeigt sich etwa auch in Termen mit seinem Dorfzentrum aus ineinandergeschachtelten Holzhausfassaden über engen Gassen.

Strom und Kies von der Massa
Der Name Termen weist übrigens nicht auf warme Quellen hin, sondern leitet sich vom Wort Terminus her: Hier ist das Ende der besiedelten Welt an der Schattenseite des Rhonetals, wo der wilde Tunnetschgraben einem Weiterkommen gegen Nordwesten Einhalt gebietet.

WallisDeshalb stechen wir zuerst über Wiesland und dann im Zickzack durch lichten Birkenwald zum Fluss hinunter und überqueren ihn auf einer Fussgängerbrücke nach Bitsch. Die Siedlung gehört zusammen mit dem benachbarten Naters zur wachsenden Agglomeration Brig, wovon auch die Anbindung mit dem Ortsbus zeugt.

Wie ein Schwerthieb zerteilt die Schlucht der Massa das Gelände an der Sonnenflanke über dem Rhonetal. Mehrere Hundert Meter tief hat sich der Wildbach in den Gesteinsuntergrund gesägt, indem er jahrtausendelang das Schmelzwasser des Aletschgletschers der Rhone entgegenführte. Heute ist die Massa, weil zur Stromgewinnung in die Pflicht genommen, in ihrem Unterlauf meist bloss noch ein Rinnsal. Einzig nach Unwettern schwillt sie zu alter Grösse an und führt dann auch noch grosse Mengen Geschiebe mit sich.  Solches Kies wird bei Bitsch kurz vor der Massa- Mündung in die Rhone als Baumaterial aus dem Bachbett gewonnen.

Rotten oder im Dialekt Rottu nennen die Einheimischen den Fluss, dessen trüb-kaltes Wasser selbst im Sommer nicht zum Bade lockt – ganz abgesehen von der Strömung. Von Bitsch führt ein Fussweg dem Nordufer entlang durch das Gebiet von Naters zurück nach Brig, wo nun bis zur Rückfahrt gewiss noch Zeit für einen Stadtbummel bleibt.

Ausklang an der Sonne
Die Brückenstadt am Nordfuss des Simplonpasses und Hauptort im Oberwallis hat sich vom verherenden Unwetter des Jahres 1993 gut erholt. Seit der Wiederherstellung ist ein Teil der Altstadt verkehrsberuhigt, und eine Hebebrücke über das Wildwasser Saltina soll künftigen Überschwemmungen vorbeugen. Als Hauptsehenswürdigkeit gilt der Stockalperpalast, ein Barockschloss aus dem 17. Jahrhundert. Die Türme mit den vergoldeten Zwiebeln sind zum Wahrzeichen von Brig geworden, das, obwohl zur Agglomeration herangewachsen, sich noch einen Teil ländlicher Beschaulichkeit bewahrt hat. Und dass man gern draussen bei einem Glas Wein sitzt, und zwar schon bei den ersten Sonnenstrahlen im Frühling, ist wohl auch ein Anklang ans nahe Italien.

Route
Brig Bahnhof (678 m)—Briger Altstadt (684 m)—Undri Biela (862 m)—Biela (901 m)—Termen (972 m)—Abstieg zur Fussgängerbrücke über die Rhone bei Bitsch (692 m) — Strassenbrücke über die Massa in Bitsch (688 m)—Uferweg der Rhone entlang zur Brücke zwischen Naters und Brig (673 m)—Brig Bahnhof (678 m).

Wanderzeit
4 Stunden mit je 300 Metern Steigung und Gefälle.

Variante
Eine Benutzung des Ortsbusses Bitsch—Naters—Brig erspart die letzte Wanderstunde.

Öffentlicher Verkehr
BLS-Linie Bern—Spiez—Visp—Brig durch den Lötschberg-Basistunnel . . . oder die alte BLSBergstrecke über Kandersteg und Goppenstein.

 

Karten
Landeskarte der Schweiz 1 : 25 000, Blatt 1289 «Brig». Landeskarte 1 : 50 000, Blatt 274 «Visp». Wanderkarte 1 : 50 000, Blatt 274 T «Visp».

 

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