Die Schrattenfluh aus neuer Sicht

schrattenfluehWo immer man im bernischen Emmental auch wandert — die markante Schattenfluh am Alpenrand gehört zum Landschaftsbild. Für einmal wollen wir diesen Charakterberg aus anderem Blickwinkel kennenlernen: auf einer Rundwanderung bei Flühli im benachbarten luzernischen Entlebuch.

VON FRANZ AUF DER MAUR

Schroff steigen die hellen Felsschrunden der Schrattenfluh aus dem dunklen Mosaik von Mooren, Wäldern und Weiden über dem Tal der Waldemme. Hier verbindet der 1290 Meter hohe Hilferenpass Flühli gegen Westen mit dem Tal von Marbach. Der Übergang, dessen Ostrampe unsere Wanderung quert, besass immer nur lokale Bedeutung. So blieb das Gebiet vom Durchgangsverkehr verschont. Deshalb ist es hier recht einsam: Nicht mal eine Bergwirtschaft findet sich unterwegs, was in der sonst mit Gasthäusern so reich gesegneten Zentralschweiz als Ausnahme gelten darf.

Wo Berner Sennen hirten
Vielleicht gibt es bei einer Alphütte etwas zu trinken, wobei auffallen dürfte, dass in dieser Randregion des Luzernerlandes manche Alpen von Sennen aus dem benachbarten Bernbiet bestossen werden. Die markierte Route mit ihrer markanten Steigung zu Beginn erfordert etwas Umsicht, weil streckenweise bloss eine Pfadspur durch die Triften führt. Wo Kühe weiden, sollten die Viehgatter unbedingt wieder geschlossen werden, damit sich die Tiere nicht in felsiges Gelände abseits ihrer Weiden versteigen. Und wo der undurchlässige Boden als Voraussetzung zur Bildung von Mooren viel Niederschlagswasser speichert, gedeihen nicht allein fleischfressende Pflanzen wie Sonnentau und Fettblatt, sondern auch prächtige Schwämme … neben Speisepilzen freilich auch so giftige Burschen wie Fliegenpilze oder, in weisser wie grüner Varietät, die gefürchteten Knollenblätterpilze. Als die Einheimischen noch nichts von Gebirgsbildung wussten, durch die einst im Meer abgelagerte Kalksteinschichten bis auf 2000 m ü. M. hochgetürmt wurden, suchten sie bereits eine Erklärung für die wie ein Fremdkörper in der Landschaft stehende Schrattenfluh. Einst hätten saftige Matten das nach Nordwesten steil, nach Südosten sanfter abfallende Bergmassiv bedeckt, doch aus Strafe für menschliche Habgier sei der Ort verflucht und unfruchtbar gemacht worden.

Flyschboden staut Wasser
Statt fruchtbarer Weiden bedecken nun kahle Karren – tiefe Rinnen im Gestein, voneinander getrennt durch oft messerscharfe Grate – die Schrattenfluh. Schratten ist übrigens der Entlebucher Dialektausdruck für solche Karren und hat durch die Bezeichnung Schrattenkalk Eingang in die geografische Fachsprache gefunden.

Im Wandergebiet besteht der Untergrund jedoch meist aus weichem Flyschgestein, das zu tonigen Böden verwittert: ideale Wasserstauer für die ausgedehnten Hochmoore. Das Entlebuch, und hier speziell das Tal der Waldemme um Flühli und Sörenberg, gilt denn auch als jene Gegend der Alpen, wo diese geschützten Feuchtbiotope in besonderer Schönheit erhalten geblieben sind.

Dieser Umstand trug denn auch entscheidend dazu bei, dass das Entlebuch im Herbst 2001 als erste Schweizer Region zum Biosphärenreservat der Unesco erklärt wurde. Allerdings nahm die ansässige Bevölkerung ein solches Gütesiegel der Weltorganisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur vorerst mit gemischten Gefühlen entgegen. Im konservativen Alpenrandgebiet ist man allem Neuen gegenüber grundsätzlich misstrauisch und fürchtet Nutzungsbeschränkungen, etwa in der Landwirtschaft oder für die Jagd. Inzwischen ist die Opposition gegen das Reservat weitgehend verstummt, nicht zuletzt auch deshalb, weil in der von Abwanderung bedrohten Region Arbeitsplätze im sanften Tourismus geschaffen wurden.

Sumpfgeister und der Teufel gar
Die Hilferenregion gehört bei Sonnenschein zu den harmonischsten Landschaften der Zentralschweiz, und selbst die abweisend schroffen Zinnen der Schrattenfluh vermögen diesen Eindruck nicht zu trüben. Kommt jedoch Nebel auf, verliert die Gegend ihre Freundlichkeit und wirkt bald bedrohlich. Dann versteht man auch, warum die Einheimischen von Sumpfgeistern erzählen, die in den Hochmooren spuken. Auf der Schrattenfluh soll gar der Teufel selber hausen; Abdrücke seiner Füsse seien da und dort im Fels versteinert.

schrattenfluehRoute
Flühli im luzernischen Entlebuch (884 m)—Hinter Torbach (930 m)—Ober Blasen (1180 m)— Alp Ämmental (1296 m)—Salzboden (1506 m)—Tor (1384 m)— Toregg (1396 m)—Wilegg (1214 m)—Schwändi (1108 m)—Unter Spierberg (1032 m)—Flühli (884 m).

Wanderzeit
5 Stunden mit je 600 Metern. Steigung und Gefälle.

Öffentlicher Verkehr
Vom Bahnhof Schüpfheim an der BLS-Linie Bern—Langnau—Luzern verkehren Postautos Richtung Sörenberg bis Flühli.
Landeskarte der Schweiz 1 : 25 000, Blatt 1169 «Sörenberg». Landeskarte 1 : 50 000, Blatt 244 «Escholzmatt». Wanderkarte 1 : 50 000, Blatt 244 T «Escholzmatt».

 

 

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