Frühlingserwachen im Tessin – Wanderung der Verzasca entlang

Durchs wildromantische Verzascatal, das ganz von Wasser, Steinen und Kapriolen des Lichts beherrscht wird. Die traumhaft schöne Frühlingswanderung führt entlang der Verzasca, durch kleine ursprüngliche Dörfer und auf lauschigen Pfaden über Stock und Stein nach Lavertezzo mit der berühmten Steinbrücke Ponte dei Salti.

VON KARIN BREYER

Route:
Sonogno (918 m ü.M.) — Frasco (885 m ü.M.) — Lorentino (826 m ü.M.) — Alnasca (757 m ü.M.) — Piee (756 m ü.M.) — Ganne (668 m ü.M.) — Motta (620 m ü.M.) — Lavertezzo (536 m ü.M.)Wanderzeit: 4 Std., Wegstrecke: 14 kmAnreise: Mit dem Zug nach Locarno, weiter mit dem Postauto nach Sonogno. Rückreise: Mit dem Postauto von Lavertezzo nach Locarno, weiter mit dem Zug.

 

Bereits die Fahrt von Locarno nach Sonogno, das hinterste Dorf im Verzascatal, ist ein Abenteuer für die Sinne. Fernab der lauten Welt, schlängelt man sich in die Höhe, romantische Naturschauspiele und die fürs Tessin typischen Rustici ziehen am Auge vorbei. Die riesige Contra-Staumauer des Wasserkraftwerks, eine der höchsten Europas, wird gestreift. Wie James Bond im Thriller «Goldeneye», geniessen am Staudamm Abenteurer das Bungee-Jumping: der ultimative Adranalinkick am Lago di Vogorno. Dann der Hauptort Vogorno, kurz drauf stechen die weiss getünchten Häuser von Corippo am steilen Hang hervor. Das «charmanteste Dorf des Tales» mit seinen kaum mehr als Dutzend Einwohnern ist eine perfekte Komposition mit architektonischen Besonderheiten, die europaweit erforscht werden. Und sogleich erheischen Sie einen kurzen Blick auf die Ponte dei Salti mit ihren dominanten Bögen – das Ziel der heutigen Wanderung.

Corippo im Verzascatal, eines der malerischsten Doerfer im Tessin.

Malerisch liegt es da, Sonogno, dort, wo die Bäche aus dem Redortatal und dem Vegornesstal sich vereinen. Bekannt geworden ist das Dorf insbesondere durch den Roman «Die schwarzen Brüder», wo die Autorin Lisa Tetzner von den Kaminkehrerjungen von Sonogno erzählt. Anders als heute, war es im 18. Jahrhundert wenig idyllisch, im Verzascatal zu wohnen. Hart war das Leben, mitunter waren arme Eltern gezwungen, ihre Kinder in die Knechtschaft zu schicken. Aus Not wurden zarte Knaben nach Mailand verkauft, sozusagen als lebendige «Besen» – und schamlos ausgebeutet, indem sie als kleine Arbeitssklaven in den Kamin kletterten und säuberten. Tetzners Weckruf gegen Kinderarbeit avancierte zu einem Klassiker.

Für Sonogno sollten Sie sich Zeit nehmen. Ausgesprochen romantisch ist der Gang durch die schmalen Gassen, eng aneinander reihen sich kleine Rustici aus grauem Bruchstein und Steinplattendächern. Gerne lässt man sich treiben, wirft einen Blick hierhin, dorthin, oder sucht ein Grotto auf. Zu bestaunen ist das alte Dorfbackhaus, wo an Markttagen noch immer Tessiner Brot gebacken wird. Werfen Sie einen Blick in die Kirche: Sie birgt Fresken des einheimischen Malers Patà, ein Schüler des grossen Courbet. Nahe der Bushaltestelle, an der Piazzetta, ist die Casa Genardini, ein altes Bauernhaus, welches das Heimatmuseum beherbergt. Eindrücklich werden das Tal und die Menschen bezeugt, ebenso die harte Existenz der Kaminkehrerjungen. Schräg gegenüber: der Laden Pro Verzasca mit tollen Kunstwerken der Region sowie das eindrückliche Haus der Wolle. Eine faszinierende Welt aus Stein und Wasser Auf dem Sentierone – ein uralter Saumpfad – gehts nun nach Lavertezzo (bestens beschildert, auch mit Nr. 74. Start an der Bushaltestelle, bald wird die Stahlbrücke gequert). Mal links, mal rechts der geheimnisvollen Verzasca tauchen Sie ein ins grüne Herz des Tessins.

Je nach Gusto kann die gut vierstündige Wanderung abgekürzt werden (von den kleinen Weilern aus fährt regelmässig ein Bus ins Tal). Vielleicht verspüren Sie Lust, unterwegs in einer Osteria einkehren und Tessiner Spezialitäten zu probieren, etwa Risotto, Polenta, ein Glas Wein. Ein lauschiger Weg, über Wurzeln und Granitfelsen, gesäumt von Kastanien, Nussbäumen, Buchen, Erlen, führt binnen Kurzem zur Mündung der rauschenden Verzasca, die ab jetzt Ihre Begleiterin ist.

Von Anbeginn bezirzt sie mit ihrer Kraft und Schönheit, changierend in den leuchtendsten Blau- und Grüntönen. In einer Wucht umspült sie grosse und kleine Steine, vor Lebendigkeit nur so strotzend. Die sonnendurchflutete Flusslandschaft wird von einer majestätischen Bergwelt untermalt, dahinter verlaufen die parallelen Täler der Leventina und der Maggia. Geschichtete Steinmäuerchen und alte Steinhütten rücken ins Bild, im Frühling blüht hier sonnengelb der Ginster. Nach einer guten halben Stunde erreichen Sie über die Hängebrücke Frasco, dann vagabundieren Sie locker durch Wiesen und Wäldchen. Eine verlassene Siedlung mit einfachen Natursteinhäusern erinnert an die Vergangenheit der Bewohner.

Äusserst bescheiden lebten sie, in Einklang mit der launenhaften Natur. Im Tessin erzählt man sich, dass vor langer Zeit einmal geheimnisvolle Wesen den armen Menschen reinen Herzens halfen. Sie hätten aus magischen Steinen in nur einer Nacht die einfachen Ställe und Häuser errichtet, die Rustici, die typisch die Tessiner Täler durchziehen …

Felsige Bachlandschaft der Verzasca bei Lavertezzo im Verzascatal.

In Lorentino bei Gerra können Sie im reizenden Grotto von Ostern bis Ende Oktober feine regionale Spezialitäten kosten. Bald schon stürzt sich ein stiebender Wasserfall laut über die Felsen. Eine gute halbe Stunde Genussmarsch von hier, und Sie erreichen Alnasca mit der bekannten Lüera, der Wolfsfalle – die Hälfte des Weges ist dann zurückgelegt. Der Marsch flussabwärts, von Steinen und Wasser beherrscht, ist herrlich abwechslungsreich – und bilderbuchschön. Mal wurzelig und steinig, dann wieder breit und federnd, treppauf und -ab mäandert der Weg durchs Tal. Sie durchstreifen verträumte Auenwäldchen mit Birken und Lärchen, passieren kleine Steinbäche und offene Ebenen. Alles scheint hier krumm und organisch gewachsen, nirgends läuft man gerade. Oberhalb oder unmittelbar entlang des Wassers, das immer wieder durch fantasievolle Felsformationen dahinrollt.

Hier und dort hat die Natur schönste Badewannen und «Whirlpools» modelliert, in die man sich am liebsten hineinlegen möchte. Das tun auch viele, wenn es warm ist. Aber Achtung, die schöne Verzasca gilt mit ihren Strömungen und ihrer verdeckten Sogkraft als äusserst gefährlich.

Bei Piee beginnt ein etwa halbstündiger Abschnitt durchs prähistorische Felssturzgebiet. (Hier ist ein Abstecher nach Brione möglich – einfach Brücke queren und ins kleine Bergdorf spazieren. Sehenswert: die Kirche Santa Maria Assunta (1294), mit gotischen Fresken und Reliquienschreinen mit Schädelknochen.) Labyrinthartig gehts durch eine magische Steinlandschaft, vorbei an Felsnischen und riesigen, wild herumliegenden Felsbrocken. Im steten Auf und Ab – bis Sie wieder in Tuchfühlung mit der smaragdgrünen Verzasca sind. Mit ungeheurer Energie ergiesst sich das Wasser hier in die Tiefe, windet sich schäumend um die Felsen und Steine. Das Gestein schimmert, je nach Lichteinfall, in Grau- und Brauntönen, wie glattpolierter Marmor. Ein rauschendes Formen und Farbenspektakel, ein feuriges Spiel mit Stein und Wasser.

An der Brücke angelangt, wechseln Sie die Talseite und nehmen die Teerstrasse bis zur Haltestelle «Ganne bus». Etwa 20 Meter nach der Bushaltestelle, vor der scharfen Kurve, gehts links Richtung Lavertezzo, auf einen Waldpfad: den Weg der Kunst. Auf dem Sentiero per l’arte Jetzt heisst es Augen auf! Künstler aus der Schweiz, Italien und Deutschland machten es sich zur Aufgabe, das Flussufer der Verzasca kreativ zu bereichern. Stelen, Beton- und Felsbemalungen, bunte Säulen, an Bäume befestigte Kunstwerke u. a. verstecken sich mehr oder weniger am Fluss, im Wald oder in den Frühlingswiesen. 34 Werke waren es ursprünglich – einige sind inzwischen schon arg verwittert und der Natur zum Opfer gefallen …

Auf verschlungenen Pfaden wandern Sie durch Lichtungen und einen Kastanienwald, nach Ganne und weiter nach Motta. Im Grunde genommen reiht sich ein Kunstwerk ans andere – die grösste Künstlerin bleibt jedoch die Natur selbst, wunderschön zu bestaunen am tosenden Wasserfall und den klaren, vitalisierenden Bergbächlein. Auf weich federndem oder auch steinigem Boden erreichen Sie Piano, nach knapp einer halben Stunde erheben sich die ersten Häuser von Oviga. Sie steuern direkt auf ein uriges Grotto zu, das mit selbst hergestellten Tessiner Wurstwaren, Käse, Torta di Pane (= Brotkuchen) und Wein aufwartet – ein perfektes Ambiente, den Tag genüsslich ausklingen zu lassen.

Ponte dei Salti

 

Nur ein Katzensprung ist es von hier nach Lavertezzo. Sie spazieren über die legendäre Ponte dei Salti, die zweibogige Steinbrücke aus dem 17. Jahrhundert. Welch schönes Finale auf der sogenannten Römerbrücke: Wie Buckelwale und Urweltriesen liegen die blanken Gneis- und Granitfelsen im Flussbett, umspült von der türkisfarbenen Verzasca. Wenn sich die untergehende Sonne in dem gewaltigen Natur- und Farbenspiel spiegelt, schlägt es fantastische Kapriolen des Lichts. Lavertezzo mit seinen Rustici und Grotti ist ein typisches Tessiner Dorf, das man einfach gesehen haben muss. Vielleicht entscheiden Sie sich sogar, hier zu nächtigen. Übrigens, die Pfarrkirche gegenüber der Bushaltestelle ist die einzige Barockkirche im Tal.

 

Fotos: ZVG, Switzerland Tourism  By-Line: swiss-image.ch/Roland Gerth, Ticino Turismo, swiss-image.ch/Remy Steinegger

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