dodo hug – Vielschichtig, vielsaitig, Vielsittich

© Barbara Hiestand - dodo hug

© Barbara Hiestand – dodo hug

Von Karin Breyer

Ihr Spielfeld ist die Musik und Vielsprachigkeit: dodo hug ist seit den 1970er Jahren aktiv in der Musikszene. Zunächst war sie mit Christoph Marthaler & Pepe Solbach auf Tour, in den 1980er Jahren tingelte sie mit MAD DODO erfolgreich durch Europa (Salzburger Stier 1985, Deutscher Kleinkunstpreis 1992). Seit 1994 betritt sie die Bühne mit dem sardischen Musiker Efisio Contini, der auch ihr Lebenspartner ist. Zweifelsohne ist die Komikerin, Sängerin, bekennender musikalischer Vielsittich und Sprachakrobatin, die zudem noch beflissen Gitarre, Cuatro, Ukulele, Mandoline spielt, heute auf Schweizer Musik- und Kleinkunstbühnen nicht mehr wegzudenken. Wir sprachen mit dodo hug über ihr Bühnenprogramm „Vielsittich, digi tales live“ – mit ihrer Band begeistert sie das Publikum mit höchst kreativen Songs aus dem 2. Best of Album „digi tales“ 2003–2013.

Seit über vierzig Jahren beflügeln Sie mit Ihrer Musikalität, Wandlungskunst und Ihrem Sprachwitz auf nationalen und internationalen Bühnen das Publikum. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
dodo hug: Wenn ich anfange zu grapschen, gibt es viele tolle Erinnerungen. Besonders gerne denke ich zurück an Auftritte in der französischen Schweiz oder in Deutschland. Dort ist es heute viel schwieriger aufzutreten als vor 20 Jahren. Die Fahrten, die wir machten, wir nannten sie Tournee-Feeling: heute in Trier, morgen in München, das war wunderbar. Insgesamt betrachtet hatten wir immer viel Glück. Aber eigentlich schwelge ich nie in der Vergangenheit, im Sinne: ach, war das schön. Ich bin immer jetzt da – mit der Frage: Was machen wir als nächstes?

Derzeit sind Sie mit Ihrem neuem Programm „Vielsittich“ unterwegs. Was kann man sich unter der fabelhaften Wortschöpfung des Titels vorstellen?
Diese Kreation hat mit deutschen Frauen zu tun, die mir auf Schweizerdeutsch immer wieder das Kompliment machten: „dodo, du bist so vielsittich.“ Gemeint war natürlich vielseitig (vielsittig). Ja, sie hatten recht. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich selbst so zu nennen. Und ich finde es wunderbar, dass ich drauf gestossen bin: Ich bin kein Kanarienvogel, kein Wellensittich. Ich bin ein Vielsittich – und das gerne: weil er so herrlich bunt ist und fliegen kann. Mich selbst betrachtete ich bislang eher als felines Wesen, also eine Katze.

Haben Sie ein Haustier?
Ein tolles Stichwort und ein trauriges zugleich, denn gegenwärtig kommen Katzen nicht in Frage, wir sind zuviel ausser Haus und begnügen uns daher mit den schnurrend-schmeichelnden Zeitgenossen unserer Freunde.

Welche Passagen gehen Ihnen bei „Vielsittich“ besonders unter die Haut?
Generell geht mir immer das Langsame, das Schöne, das Verträumte, das mich fortträgt, unter die Haut. An zweiter Stelle sind es die Grooves, der Rhythmus oder das Witzige – das eine geht nicht ohne das andere. Wir spielen ja Songs der letzten zehn Jahre, also ältere und neuere, wo wir am Puls der Zeit sind. Mir ist neben Sprachwitz und Leichtigkeit auch das Sozialkritische sehr wichtig. Aber ich möchte nicht fingerzeigerisch sein oder Dinge zu pointiert beim Namen nennen. Gerne mag ich Umspielung, ich bin immer assoziativ. Ich bin keine politische Liedermacherin oder Kabarettistin, ich bin eher musikalisch als inhaltlich sprachmächtig.

Zweifelsohne: Vielseitigkeit, Vielschichtigkeit, auch Komplexität, ist das, womit man Sie zuallererst in Verbindung bringt. Was reizt Sie daran?
Das Sowohl-als-auch, das nicht Schwarz-weiss, das Anders-sein-dürfen, eben nicht so fixiert sein. Ich finde es schrecklich, mich zum Beispiel auf einen Song oder auf eine Geschichte zu reduzieren. Als Chansonnière und Sprachakrobatin liebe ich es, mich zwischen den verschiedensten Gefühlen zu bewegen, mal humorvoll, dann wieder melancholisch. Dieses weite Spektrum auszuloten, reizt mich ungemein.

Was verleiht einem musikalischem, stimmgewaltigen Vielsittich wie Ihnen Flügel?
Ganz bestimmt Leute, die auch so sind. Wenn jemand auch so offen ist, bedingt es, dass man aufeinander eingeht. Ich mag dieses Ping-Pong-Spiel in der Kommunikation, dem Fluss folgen. Leute, die sprachlich spontan und neugierig sind, müssen nicht so sein wie ich – aber es ist schön und inspirierend, wenn man sich auf gleicher Ebene findet.

Sie gehen Ihren ureigenen künstlerischen Weg, lassen sich in keine Schablone einordnen. Mal sind Ihre Songs voller Humor und Spielwitz, dann wiederum sehr tiefgründig und sozialkritisch. Intelligent wissen Sie die Herzen der Zuschauer zu gewinnen, den Zeitgeist einzufangen. Wie und wo entfalten sich Ihre Texte?

Wenn ich selbst schreibe, bin ich oft getragen von spannenden Wortspielen, zum Beispiel ist es gerade „Betty Bossi“ – diese Kunstfigur, die es gar nicht gibt. Früher war diese eine fiktive Köchin, heute ist Betty Bossi ein Unternehmen mit Küchengeräten, auch eine Zeitschrift und Ratgeber mit Rezepten. So habe ich einen „Betty Bossa“ (in Anspielung auf Bossa Nova) kreiert.
Manchmal höre ich im Radio einen Groove, der mich inspiriert. Ich bin gar nicht am Suchen, das kommt auf mich zu, es fliesst, manchmal mit grosser Leichigkeit: beim Autofahren, Schwimmen, auf dem Boot …

Mit meinem Bühnen- und Lebenspartner Efisio Contini entdecke ich immer wieder Wunderbares, zum Beispiel aus Kuba oder Kolumbien oder bei mediterranen Musikern, wir picken uns aus verschiedensten Kulturen etwas heraus und schreiben gemeinsam. Aber ich schreibe nicht alle Texte selbst.

Sie sind eine mit vielen Sprachen jonglierende Künstlerin. Virtuos wechseln Sie auf der Bühne zwischen Französisch, Deutsch, Spanisch, Sardisch … Wann kommt welche Sprache zum Zug?
Gerne begrüsse ich das Publikum auf Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Dann hängt es von den persönlichen Erfahrungen ab, in welcher Sprache ich welches Lied singe. Zum Beispiel wird der Song über das Château in Frankreich, wo wir regelmässig Musik aufnehmen, auf französisch gesungen. Das passiert auf eine ganz natürliche Weise. Ich mag es, in verschiedenen Sprachen das Publikum zu begeistern, romanische Sprachen sind mir sehr nah und vom Ausdruck her sehr lieb. Aber auch das Englische möchte ich nicht missen. Etwas Poetisches singe ich zum Beispiel gerne auf Italienisch, etwas Echtes, Verbindendes drücke ich dann auf Schweizerdeutsch aus, das Deutsche wähle ich, wenn es um Klarheit, Präzision geht.

Wann wussten Sie, dass Sie mit Ihrer Stimme Menschen berühren können?
Schon ganz schnell, bereits in der Schule, wenn ich gejodelt habe – dann haben alle gefant. Auch an der Tankstelle in der französischen Schweiz, wo ich sehr jung mal arbeitete und die ersten französischen Lieder schmiss, haben sich alle gefreut. So ab 23, als ich anfing, beruflich zu singen, wurde mir immer wieder gesagt, ich hätte eine so tolle Stimme. Aber Menschen wirklich berühren, das kam mit dem Älterwerden. Als ich mit MAD DODO aufhörte – ein Ensemble, das es zwischen 1983 und 1993 gab – und mich erst einmal von der Komik distanzierte und mich mehr der Musik widmete, kam zum Vorschein, dass ich nicht nur lustig bin, sondern auch tiefgründig und die Seele berührend. Eines der grössten Komplimente bekam ich von Kaspar Fischer: „Du hast das Timing von Charlie Rivel“ – er war ein weltberühmter, spanischer Clown.

Was hat Sie motiviert, im Matronatskomitee der Plan-Mädchenkampagne „Because I am a Girl“ sich zu engagieren?
Ich habe selbst keine Kinder, und als ich hörte, dass sich die Kampagne für die Förderung und den Schutz von Mädchen und Frauen einsetzte, sagte ich sofort Ja. Leider ist es noch immer so, dass in vielen Teilen der Welt Mädchen und Frauen diskriminiert und ausgebeutet werden und Opfer von Gewalt sind. Dem möchte ich öffentlich entgegentreten.

Was ist Ihr grösster Traum?
Ich mag es, immer wieder neue Formen anzunehmen, mich nicht festlegen zu müssen. Schön finde ich, über den eigenen Kulturkreis hinauszuschauen, über den Hag fressen, wie wir in der Schweiz so schön sagen. Oft sind die guten Stücke auf der anderen Seite des Zauns. Öfter mal in Frankreich spielen, Luxemburg, Deutschland, Italien, Schweiz – quer durch Europa touren, das wäre ein Traum.

Unter welchem Leitstern steht Ihr Leben?
Ich habe immer gesagt: on verras. Sehr nahe ist mir auch Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Kurzum: alles, was berührt. Poesie.

Was bedeutet für Sie Glück?
Den Moment geniessen können, ohne sich Sorgen zu machen. Gesund sein. Einfach so Sein. Offen sein für vieles. Der berühmte Rudolf Steiner hat einmal gesagt: „Wenn der Wettbewerb immer an erster Stelle steht, haben edlere Anliegen keine Chance“. Ja, es lohnt sich, edlere Anliegen zu checken. Die liegen nicht im Materiellen. Zufriedenheit ist Glück, auch Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme, Respekt und Freude!

Termine „Vielsittich“:
19. Februar: Küssnacht am Rigi/SZ;
27. Februar 2015 in der Reformierten Kirche Hindelbank.

weitere Infos unter: www.dodohug.ch

Foto Titel: © Volker Dübener.

 

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