Die neue Lust am Gärtnern

Hobbygärtner lieben ihr Grün. Sie hegen und pflegen es, investieren Zeit und Geld. Doch wer glaubt, dass man zum Trimmen, Schneiden und Häckseln einen eigenen Garten braucht, täuscht sich. Denn gegärtnert wird heute überall — auch mitten in der Stadt.

VON MAJA HARTMANN

Ob Dahlienpracht auf dem Balkon, Fenchel im Gartenbeet oder Tomatenstauden im Schrebergarten: Rund 70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer griffen letztes Jahr regelmässig zu Giesskanne, Heckenschere und Co. Dies ergab eine repräsentative Umfrage des Zürcher Marktforschungsinstituts Marketagent.com. Das Erstaunliche dabei: Die Zahl junger, berufstätiger Menschen, die das Gärtnern für sich entdecken, ist so hoch wie lange nicht mehr. Stattliche 60 Prozent der unter 30-Jährigen gaben an, eigene Pflanzen zu ziehen – bei den 40- bis 50-Jährigen waren es sogar 80 Prozent. Am beliebtesten bei den Pflanzenfreunden war das Pflanzen von Kräutern und Blumen gefolgt von Gemüse und Beeren. Fast jeder fünfte Hobby-Gärtner gab an, sogar eigene Kartoffeln anzupflanzen.

Das perfekte Hobby: gesund und befreiend
Gärtnern liegt definitiv im Trend. Und das hat viele positive Auswirkungen, nicht nur für Gartencenter und Baumärkte, sondern auch auf die Pflanzenfreunde selbst. Denn Gartenarbeit ist, das haben zahlreiche Studien erwiesen, ausgesprochen gut für die Gesundheit. Rasenmähen, Harken und Umgraben halten den Körper in Schwung und sind ein ideales Ausdauertraining für Herz und Kreislauf. Auch auf die Seele wirkt sich ein Garten als Ort der Ruhe und des Rückzugs positiv aus. Das Gestaltungs- und Naturerlebnis beim Gärtnern reduziert deutlich die Ausschüttung von Stresshormonen, wie eine Untersuchung aus Kalifornien jüngst zeigte.

 

Das Resultat lässt sich sehen – Gemüse frisch aus dem Garten

 

Sabine Reber, Gartenspezialistin und erfolgreiche Autorin, geht noch weiter. Sie bezeichnet das Gärtnern als «die neue Freiheit». Wir haben sie gefragt, was sie damit meint. «Gärten sind immer Lebensräume, egal, ob es ein grosser Garten ist oder ein kleines grünes Paradies auf dem Balkon. Hier pflanzen wir, was wir selber gerne sehen, essen oder riechen. Hier gestalten wir eine kleine Welt ganz nach unserem Geschmack. Und es soll uns niemand sagen, dass das, was uns gefällt, nicht schön sei!», erklärt Reber. Darum sei es ihr so wichtig, betont die passionierte Gärtnerin, in ihren Büchern nicht sture Anleitungen zu geben, sondern Grundlagen zu vermitteln, mit denen jeder seine eigene Vision pflanzen und gestalten kann. «Im Idealfall sollten jeder Garten und jeder Balkon anders aussehen», fährt sie fort. «Je vielfältiger, desto besser!» Glücklich schätzen kann sich also, wer einen Garten vor der eigenen Haustüre hat und sich seine eigene grüne Wellnessoase heranzüchten kann. Doch was ist mit all jenen, die keinen Garten haben und in einer Wohnung leben? Die holen sich das Grün eben in die Stadt …

Familiengärten: die Trend gewordene Alternative
Was früher Schrebergarten hiess und als spiessig und altbacken belächelt wurde, heisst heute Familien- oder Freizeitgarten und liegt wieder hoch im Kurs. Immer mehr Stadtbewohner besinnen sich der beinahe vergessenen Alternative. Das Phänomen ist besonders rund um die Ballungszentren Zürich, Basel und Bern zu beobachten. Junge Städter – ob Eltern, Studenten, Singles oder Paare – nutzen die begehrten kleinen Landparzellen als ihren persönlichen Zufluchtsort, wo sie sich frei entfalten, sich erholen oder ihr eigenes Gemüse anbauen können. Gerade für junge Familien ist letzteres der wichtigste Grund, sich einen Freizeitgarten zuzulegen. Schliesslich sollen auch die ganz kleinen Stadtbewohner sehen, dass die Kartoffel im Boden wächst und nicht am Baum! Und so pflanzen die urbanen Hobbygärtner fleissig Salate, Rüebli und Radieschen in ihren Familiengärten an, um sie dann auch selbst zu konsumieren. Neu ist die Idee natürlich nicht, auch in der Stadt Gemüse für den Eigenbedarf anzubauen, im Gegenteil. Bei ihrer Entstehung, im 19. Jahrhundert, hatten die Kleingärten genau diesen Zweck: Sie sollten der städtischen Bevölkerung dabei helfen, ihre Mahlzeiten günstig mit frischem Gemüse und Früchten anzureichern. Doch steht der Begriff «Selbstversorgung» heute in einem ganz neuen Kontext: Wer heute sein eigenes Gemüse züchtet, tut dies aus Überzeugung, nicht aus Notwendigkeit.

Die neue Generation der Selbstversorger Andrea ist ein Paradebeispiel für die neue Hobbygärtner-Generation. Sie ist Studentin, 23 Jahre alt und hat zusammen mit zwei Freundinnen am Stadtrand von Basel einen Familiengarten gepachtet. Auf die Frage, wie es dazu gekommen sei, antwortet sie: «Ich wollte einfach wieder einen realen Bezug zur Natur aufbauen.» Vor allem die Entschleunigung, die sie hier erleben könne, sei wohltuend. Immerhin dauere es Wochen, bis eine gesäte Pflanze spriesst, wächst, blüht und schliesslich Früchte trägt. «Und wir können nichts daran ändern. Ob wir wollen oder nicht: Wir müssen uns dem Tempo der Natur anpassen», erklärt Andrea begeistert. Ihre Mitpächterin, Sibylle, geniesst vor allem die körperliche Betätigung, die ihr der Garten sozusagen aufzwingt: «Diese Arbeit macht die Beine schwer und den Kopf frei. Nach einem Arbeitstag im Gärtchen fühle ich mich jedes Mal erschöpft – aber gut!» Und das sei ein wunderbarer Ausgleich zum kopflastigen Soziologiestudium, ergänzt sie. In einem Punkt sind sich die beiden einig, nämlich, dass so ein selbst gezüchteter Salat besonders gut schmecke. Warum? Weil man ganz sicher wisse, dass da weder Insektengift noch chemischer Dünger mit auf dem Teller liegen.

 

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