Der Grat zwischen Herausforderung und Spassfaktor

Weshalb verbringen ältere Erwachsene ihre Zeit immer häufiger mit Musikunterricht? Das Forschungsprojekt ‚Instrumentalunterricht 50+‘ der Berner Fachhochschule zeichnet die unterschiedlichen Motivationen auf und zieht Schlüsse für den Unterricht.

In der Schweiz spielt jeder Fünfte ein Instrument. Auch ältere Erwachsene finden immer häufiger den Weg in die Musikschule und nutzen die neu gewonnene Zeit nach dem Auszug der Kinder oder nach der Pensionierung um ein Instrument zu erlernen. Wer sind diese älteren Musikschülerinnen und -schüler und was erhoffen sie sich vom Instrumentalunterricht? Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Instituts Alter und der Hochschule der Künste Bern hat die Motivationen, Ziele und Lernmethoden der über 50-jährigen Lernenden erforscht. Die Resultate zeigen unter anderem, dass diese sich selber etwas zuliebe tun möchten und sich oftmals einen lang gehegten Wunsch erfüllen. Zugleich legt die Studie dar, dass die Lehrpersonen ihre Unterrichtsmethoden auch flexibel auf die ältere Zielgruppe ausrichten müssen.

Sei es wegen der Arbeit oder den Kindern, viele ältere Erwachsene stellten ihre Bedürfnisse in ihren jüngeren Jahren in den Hintergrund. Mit dem Alter und der zur Verfügung stehenden Zeit gewinnen die eigenen Wünsche wieder an Bedeutung. „Mit der Musik erfülle ich mir einen lang gehegten Traum“, ist somit auch eine der häufigen Antworten der Befragten. Dabei stehen bei den einen der Spass, das Zusammenspielen und die sozialen Kontakte im Vordergrund, andere hingegen suchen eine neue geistige oder kreative Aufgabe und wagen sich an komplexe und fordernde Musikstücke.

Für die Lehrpersonen gilt es nun, diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu verstehen und den Unterricht entsprechend anzupassen. Die Lehrpersonen nehmen dabei die Rolle eines Coachs ein, der die Lernenden bei der Erreichung ihres Traums unterstützt und eingreift, wenn die gewählten Ziele zu hoch angesetzt sind. Dies benötigt sowohl Flexibilität als auch Einfühlungsvermögen. Denn auch wenn der Musikunterricht Spass macht, birgt er doch auch Frustrationspotential. Ein Teil der älteren Musizierenden berichtet von physischen Grenzen, Schmerzen oder gar Versagensängsten. Zudem sind erwachsene Musikschülerinnen und -schüler selbstkritischer als junge und haben hohe Erwartungen an den Unterricht. Daher scheuen sie sich auch nicht die Lehrperson zu wechseln, wenn sie sich bei dieser nicht gut aufgehoben fühlen.

Der Klang der Klarinette fasziniert mich
musik1Marianne Gfeller (64) aus Wichtrach: freiberufliche Pflegefachfrau, verheiratet, drei erwachsene Kinder, spielt Klarinette. Die Reduzierung ihres Arbeitspensums brachte den Stein ins Rollen: Die ehemalige Pflegefachfrau beschloss den Instrumentalunterricht wieder aufzunehmen. Und es musste die Klarinette sein, deren Klang Marianne Gfeller schon lange faszinierte.

Musik war immer Teil von Marianne Gfellers Leben: bereits als Kind musizierte sie, ebenso als Erwachsene und als sie aus familiären Gründen keine Zeit für den Instrumentalunterricht hatte, sang sie in einem Chor. Der Traum, Klarinette zu spielen blieb aber. Als Marianne Gfeller ihr Arbeitspensum reduzieren konnte, kaufte sie sich eine Klarinette und begann Stunden zu nehmen.

„Ich fokussiere mich nicht auf die Technik, ich möchte einen möglichst schönen Klang hervorbringen.“ Für sie mache gerade dieses Experimentieren mit dem Klang die Faszination des Instrumentes aus. Marianne Gfeller betont jedoch auch, dass ihr das Üben gut tut: sie kann sich entspannen und Abstand zum Alltag gewinnen. Die Tiefenatmung, die beim Spielen dieses Instruments wichtig ist, hilft der ehemaligen Pflegefachfrau im Alltag: „Ich fühle mich dadurch körperlich wohl und geistig wach.“

 

Unterrichten ist mein Hobby
Werner JostWerner Jost (70) aus Münchenbuchsee: Elektromonteur und Project Manager, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, unterrichtet Alphorn. „Alphorn spielen soll vor allem Freude machen“, findet Werner Jost. Deshalb ist es ihm auch wichtig, dass Lernende selbst erkennen, wo ihre Stärken liegen und sie nicht zu etwas gezwungen werden – zum Beispiel Stücke auswendig zu lernen – wenn sie dies nicht möchten.

„Das Alphorn spielen habe ich mir selber beigebracht“, berichtet der passionierte Bläser. Vor rund dreissig Jahren hat Werner Jost das Instrument entdeckt. Für den Unterricht möchte der Autodidakt keine Bezahlung, sonst entstehe unweigerlich der Zwang, Leistung erbringen zu müssen, sowohl für ihn als auch für die Lernenden.

Die Freude an der Musik und die Abwechslung, die das Alphorn spielen in sein Leben bringt, sind für Werner Jost zentral. Probleme sieht er für die Lernenden vor allem beim Auswendiglernen oder bei Versagensängsten: „Viele möchten lieber nach Noten spielen und haben Angst, alleine eine Stimme zu übernehmen.“ Schwierig werde es auch, wenn jemand in der Gruppe die Lautstärke oder Rhythmik nicht im Griff habe. „Es ist wichtig, dass die Musizierenden nicht nur an sich denken, sondern auch auf das Spiel der anderen hören.“
Viele Lernende müssen über den eigenen Schatten springen. Einige lassen sich darauf ein, andere nicht. „Wichtig ist, dass die Lernenden selber erkennen was möglich ist und dass sie Freude daran haben.“

Titelbild: Alphornvereinigung Pilatus Kriens, flikr.com

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