Der erste begehbare Bergfilm

Weltpremiere in Bern: Mit der begehbaren Filmcollage (sprich Ausstellung) unter dem Titel «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge» gelingt dem Alpinen Museum Bern ein Hit.

FOTOS: ALPINES MUSEUM DER SCHWEIZ, FOTOGRAFIE DAVID SCHWEIZER

VON MATHS KÜPFER

Schon die äussere Aufmachung am Berner Helvetiaplatz deutet an: Hier weht ein frischer Wind. Das Riesenbanner mit den zwei nackten Füdlis provoziert. Mit den Mitteln des Museums präsentiert das Alpine Museum der Schweiz eine neue Antwort auf das Kinoerlebnis, das im modernen, digitalen Zeitalter schon so oft totgesagt wurde. Der Titel «Die Erweiterung der Pupillen beim Eintritt ins Hochgebirge» ist in Anlehnung an das 1981 veröffentlichte, gleichnamige Buch von Niklaus Meienberg entstanden. Der Titel ist auch bei Meienberg ein poetisches Versprechen.

Der Titel der Ausstellung könnte auch einem Monty-Python-Film entnommen sein und macht «gluschtig». Nicht nur im Sinn des Voyeurismus, sondern man erwartet einen Umsturz, vielleicht einen visionären, sicher aber abgedrehten Zugang zu einem Thema, das dem Schweizer etwa so schwer anhängt wie dem Briten die Monarchie. Der alpine Raum, das helvetische «Mütterchen Russland», Schutz gegen alles Böse, Geldmaschine und Kulturerbe… immer wieder ideale Projektionsfläche für Propaganda und geerdete Sehnsüchte. Ein neuer Blick darauf lohnt immer wieder. Es warten überraschend neue Perspektiven auf die Welt unserer Berge.

raum7-610«Die Wand ruft:» Die gewagte Neudurchmischung des Genres ist ein aktueller Ansatz. Der deutschsprachige Bergfilm galt als problembehaftetes Genre. Abgedroschen und pathetisch wirken heute die frühen Gehversuche  der Berg-Filmemacher. Der Schweizer Film baute die Alpen jahrzehntelang zu einer bedeutungsschweren Landschaft der grossen Gefühle auf, arbeitete sich an der Übergrösse der Alpen ab oder verweigerte den Zugang gänzlich, um das Urbane ins Zentrum zu rücken. Und doch finden sich im heurigen Kinoangebot Streifen über Berge und Bergsteiger.  Der «Tatort Matterhorn» zog viele in seinen Bann. «Heidi» scheint ein Publikumserfolg zu werden. Auch ein Energy-Drink-Hersteller hat die Berge neu entdeckt. Er macht mit neuen und medial gut dokumentierten, sicher aber immer sehr gefährlichen Bergspielen in bester Takeshi-Manier grosses Tamtam und ganz sicher grosse Kohle. Mythos und Heldentum ziehen noch immer.

Der Stau am Himalaya zeigt wie kein anderes Beispiel den aktuellen Konflikt von Berg und Moderne. Die «Erweiterung der Pupillen» setzt hier an.

raum10-610Ein Rundgang: Die Installation ist modern, Erlebniskino auf zwei Etagen in zehn Räumen. Es können überraschend neue Emotionen zur eigenen Sicht der Berge freigesetzt werden. Da greift die Interaktion: Ob liegend auf einem Stück (künstlichen) Alpenrasen, ob nur hörend in einer schwarzen Bergschlucht, im blendend weissen «Gipfelraum» oder zuletzt im Kino sitzend… immer wieder spiegelt sich die eigene Seele in den gezeigten Filmfragmenten. Die Collage ist nur so schön, wie wir sie sehen wollen. Der Plot ist derjenige einer Bergtour und bewusst einfach gewählt. Es ist nicht nur der Berg, der hier untersucht wird, sondern auch die Psychologie des Menschen. Der Aufbruch aus dem städtischen Rahmen, der Aufstieg – Gipfel – Abstieg und die Rückkehr… überall taucht die Sinnsuche auf. Angst und Schicksal. Die in den kurzen Sequenzen gezeigte Sehnsucht nach der Wand habe ich selten so klar spüren können. Wie stehe ich zu dem Erlebten? Die virtuelle Bergtour ist ja Metapher für Aufstieg und Fall, Leben und Tod. Der Berg ist immer die Grenzsituation schlechthin. Ich lasse mich entführen.

Der Titel ist Programm. Die Filmcollage des Alpinen Museums der Schweiz ist engagiert, lustvoll, witzig, wild, frech und provokant, aber immer respektvoll im Umgang mit dem Originalmaterial. Das frisch geschaffene Gesamtkunstwerk basiert auf einer Dramaturgie des Lausanner Drehbuchautoren Antoine Jaccoud und öffnet dem Museumsbesucher einen spielerischen Zugang zum Schaffen des über 100-jährigen Schweizer Bergfilms, immer aber aus der Sicht des 21. Jahrhunderts. Die Szenen aus den einzelnen Filmen wählte Jaccoud mit den Cuttern Marcel Derek Ramsey und Mirella Nüesch aus, die die Komponenten zu einem neuen Ganzen montierten. Und das gelingt. Wir sehen die Berge nicht als gegebene Natur, sondern als menschengeschaffenes Konstrukt von Bildern und Geschichten.

Bereits das Warten auf den Einlass gestaltet sich zum Werbe-Countdown: Frühe Werbeclips stimmen uns ein auf eine künstlich geschaffene Bergwelt, ein Sammelsurium an Klischees. Die Berge als Geldmaschine. Heute stehen die Berge in unseren Köpfen für Heimat, Bollwerk, Transit- oder Traumaraum. Die Filmausstellung dekonstruiert diese Bergnarrationen, indem alte und neue Filmgeschichten buchstäblich zerlegt und neu zusammengesetzt werden. Der Besucher erlebt eine Ausstellung, die mit der Reduktion lebt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht immer der Film. Die Montage ist fiktional, vertraut auf Bilder und Atmosphäre und sucht die grossen Gefühle. Und ist streckenweise grosses Kino.

Alpines Museum der Schweiz
Helvetiaplatz 4, 3005 Bern
Telefon 031 350 04 40, info@alpinesmuseum.ch
Öffnungszeiten: Dienstag, 10.00–20.00 Uhr, Mittwoch–Sonntag, 10.00–17.00 Uhr

FOTOS: ALPINES MUSEUM DER SCHWEIZ, FOTOGRAFIE DAVID SCHWEIZER

 

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