Davoser Bergwelten im Expressionismus

Ausstellung im Kirchner Museum in Davos bis am 19. April 2015.

Drei Maeher 1920-1923 Oel auf Leinwand, Sammlung Wuerth

Drei Maeher 1920-1923 Oel auf Leinwand, Sammlung Wuerth

Eine kraftvolle Farbigkeit und kompositorische Ungezwungenheit kennzeichnen die Bilder des Malers Philipp Bauknecht (1884-1933), dessen Leben und Werk eng mit dem hochalpinen Luftkurort Davos verbunden ist. Hier beginnt sein künstlerisches Schaffen; denn nach dem Besuch der Schreinerfachschule in Nürnberg und einem Studium an der Königlichen Kunstgewerbefachschule in Stuttgart muss Bauknecht 1910, aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung nach Davos übersiedeln, wo erbis zu seinem Tod 1933 bleibt.

Er erlebt sowohl den mondänen Kurort, der von reichen und intellektuellen Sanatoriumsgästen geprägt wird, als auch die rauhe Berglandschaft und die harte Arbeitswelt der bäuerlichen Bevölkerung. Beides spiegelt sich in seinen Gemälden, Aquarellen und Holzschnitten wider. Steht Bauknecht zu Beginn seiner künstlerischen Karriere noch unter dem Einfluss des Spätimpressionismus und des Jugendstils, so findet er in der alpinen Abgeschiedenheit recht schnell zu einem eigenen expressiven Stil.

Schwinger Ringkaempfer vor 1924 Oel auf Leinwand Sammlung Wuerth

Schwinger Ringkaempfer, vor 1924, Oel auf Leinwand, Sammlung Wuerth

Landschaft und bäuerliches Alltagsleben werden in seinen Werken zum unmittelbaren Ausdruck von Ursprünglichkeit und elementaren menschlichen Gefühlen und Handlungen. Bauknecht schafft mit seinem Gemälde Hirtenknabe (1914-1916) das erste modern aufgefasste Bild der Landschaft von Davos, indem er sich einer übersteigerten Farbigkeit und einer die Wirklichkeit deformierenden Ausdruckform bedient. Bauknecht gestaltet fantastisch aufgeladene Landschaften, die eine Harmonie von Mensch und Natur behaupten. Dabei wird die Landschaft zunehmend zeichenhaft komprimiert und durch starke subjektive Farbkontraste ins Existentielle gewendet. Von einer Idealisierungdes Lebens in den Bergen ist Bauknechts Kunst aber weit entfernt, vielmehr zeigtsie eine Neigung zur grotesken, knochig-ungelenken Überzeichnung der bäuerlichen Bevölkerung.

Seine grobschlächtige Darstellung der Menschen kann im Zusammenhang mit dem kritischen Expressionismus der 1920er Jahre verstanden werden, wie er sich etwa in dem desillusionistischen Menschenbild eines Otto Dix, George Grosz oder Max Beckmann äussert.

Bauknecht pflegt in Davos auch persönlichen Kontakt mit Ernst Ludwig Kirchner und stellt gemeinsam mit dem älteren und deutlich bekannteren Expressionisten aus. Der asketische Bauknecht überwirft sich allerdings schon nach wenigen Jahren mit dem genialischen Kirchner, an dessen bohemehaften Lebensstil er offenbar Anstoss nimmt. In dem Bild Schwinger (Ringkämpfer) von 1918-1924 stellt er das Verhältnis der beiden Künstler als verkrampften Zweikampf dar.

Bauknechts früher Tod und die anschliessende Verfemung durch die Nationalsozialisten verhinderten für längere Zeit eine angemessene Rezeption seines bedeutenden Oeuvres. Erst 1960 wurde sein Werk wiederentdeckt und ist seitdem in Ausstellungen und Publikationen gewürdigt worden. Das Kirchner Museum Davos zeigt in Kooperation mit dem Museum Würth in Künzelsau und der Galerie Iris Wazzau eine umfangreiche Retrospektive zu Philipp Bauknecht. Die Ausstellung bietet mit zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Holzschnitten einen intensiven Blick auf ein künstlerisches Schaffen, das in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren in den Schweizer Alpen entstanden ist. Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog im Swiridoff Verlag erscheinen mit Beiträgen von Thorsten Sadowsky, Beat Stutzer, Iris Wazzau und C. Sylvia Weber.

Informationen zu Veranstaltungen, Workshops etc. finden Sie auf der Website
www.kirchnermuseum.ch

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