Dialog im Dunkeln

Lesergeschichte von Liane Fumagalliliane-fumagalli

Mein Sohn Luca (fast 16 J.) hat zu Weihnachten einen Gutschein bekommen … von seiner Patentante (Gotte) in Frankfurt (D). Wir, die Eltern, sind gleich mit eingeladen worden. Seine Patentante ist meine Freundin Petra. Wir sind schon viele Jahre miteinander sehr eng befreundet und haben uns vor mehr als 25 Jahren im Job bei Merrill Lynch in Düsseldorf kennen gelernt. Petra macht immer wieder so Ereignis-Geschenke und ich freue mich immer, wenn die ganze Familie Fumagalli davon profitieren darf.

Diesmal habe ich dem Gutschein irgendwie nicht soooo viel Aufmerksamkeit gewidmet (sorry Petra), evt. nur zur Kenntnis genommen. Bin halt eine Pitta-Frau (ayurvedisches Dosha, Typ, gehört zum Element Wasser + Feuer) und habe häufig meine eigenen Projekte im Kopf, die mich ziemlich absorbieren.

Luca hat sich mega gefreut, er ist so ein stiller „Freuer“. Er lächelt dann immer, wenn ihm irgendetwas total gefällt… und er liebt seine Patentante (in dem Alter sagt er ihr das natürlich nicht), ihren Mann und …. er ist absoluter Fan von Frankfurt. Er liebt Frankfurt. Da kann man toll shoppen und seine Patentante wohnt sehr schön. Er hat ein eigenes Gästezimmer, es gibt ein schönes Gästebad und … Petra kocht einfach göttlich. Sie weiss genau, was er gern hat und er schätzt es total… und wir übrigens auch. Ok. Ich schweife ab.

Zurück zum Gutschein. Vor kurzem war es dann soweit, wir haben uns von Männedorf aufgemacht und sind nach Frankfurt gereist, um unseren Gutschein einzulösen. Völlig entspannt sind wir dann am Samstagnachmittag ins Dialogmuseum gefahren. Völlig unwissend.

Dort wurden wir in Gruppen eingeteilt, und da dämmerte es mir langsam, um was es da eigentlich ging und auf was ICH mich da eingelassen hatte. Der ein oder andere kennt es sicherlich. Ich kannte es nicht. Das Dialogmuseum ist ein Museum im DUNKELN – stockdunkel. Wir wurden in einen Raum geführt und dort hat man uns einen Blindenstock in die Hand gegeben und erklärt, wie man damit umgeht. Wow. Es kam noch schlimmer. Die Tür ging zu und wir standen mit sieben Personen in einem (gefühlt) sehr kleinen Raum. ES WAR WIRKLICH KEIN LICHTSTRAHL ZU SEHEN. NULL. Völlige Dunkelheit und die Luft war stickig. Ich stand da und dachte …. shit. Das geht gar nicht. Das kann ich nicht. Ich will hier sofort raus. Ich war wie erstarrt, habe die anderen Personen nicht gespürt und nicht erahnen können, wer wo steht, ob ich meinen Mann oder irgendeinen Typ neben mir habe. Und das passierte gerade mir, ich dachte immer, dass ich so feinfühlig bin und ganz viel spüre. In dem Moment war alles ausgeschaltet und nur noch auf Alarm programmiert. Ich musste einer völlig fremden Person vertrauen.

Solche Situationen kenne ich nur, wenn ich in den Bergen bin und in so eine Bergbahn für aufs kleine Matterhorn steigen soll, da muss ich mich auch immer tierisch zusammen reissen und viel atmen, irgendwann geht es dann und ich gewöhne mich an die Situation. Ausser Angst und Beklemmung spüre ich dann erstmal nichts mehr. Die Sache ist die, ich bin sehr diszipliniert, wachse in „Krisen“ über mich hinaus und meine Ahnen haben mir sicher ganz viel „Überlebenswillen“ mitgegeben, anders kann ich mir nicht erklären, dass ich dieser Lage meine Kräfte sammle, mich zentriere und irgendwie geht es dann weiter. Kein hysterischer Anfall – Punkt. Das verbiete ich mir, schliesslich mache ich Yoga und bin Ayurveda und ThetaHealing® Practioner. So auch in dem dunklen Raum. Es ging weiter und wir alle sassen im selben Boot. Es gab kein zurück und wer will sich schon die Blösse geben?!? Der blinde Mitarbeiter leitete uns durch den Parcours. Wir lernten, ihm, unserem Blindenstock und vor allem unseren Sinnen, unserem Instinkt zu vertrauen. Eine völlig neue Erfahrung und ich muss sagen, die ganze Gruppe hat sich sehr ruhig verhalten und hat einfach mitgemacht.

Der (liebe) Museumsmitarbeiter roch nicht so gut, sorry, ich hab ein sehr empfindliches Näschen und das war ganz unangenehm. Aber ich sage euch, in dieser Situation hätte er von mir aus auch noch nach Knoblauch riechen können, er war eindeutig im Vorteil und ich auf ihn angewiesen.

Er führte uns sicher durch den Parcours der Hindernisse, vorbei an Hauswänden, über schwankende Brücken und er wusste immer wer von der Gruppe wo stand und wer Unterstützung brauchte. Am Ende des Parcours sassen wir alle in der Bar – auch stockdunkel und selbstverständlich waren auch hier alle Mitarbeiter blind. Unglaublich. Sehr souverän. Chapeau.

Ich war froh, als es vorbei war. Meine Freundin Petra übrigens auch. Die Männer natürlich fanden es total cool. Ja, ich gebe es zu, es war cool und dennoch eine völlig neue Erfahrung, die mich ganz viel gelehrt hat.

Wer hat das gebucht? …. das konnte ich mir nicht verkneifen und hab das am Ende mal ironisch in die Runde geworfen… aber ich muss ehrlich sagen, dass ich sehr dankbar bin. Wir haben einen kleinen Einblick in die Welt blinder Menschen erhalten. Nicht ganz einfach in der heutigen Zeit. Unser Gruppenleiter hat uns einen Einblick in seine Lebensgeschichte gegeben, wir alle haben ihm mit grossen Ohren zugehört und ihm viel Respekt gezollt.

Auf jeden Fall war mir einmal mehr in meinem Leben klar… meine Gedanken, meine Angst können mich begrenzen und sie können mich aber auch locker durch neue, unbekannte Erfahrungen leiten und wachsen lassen, wenn ich vertraue.

Im Buch „Der kleine Buddah“ steht: Alles, was ihr machen müsst, ist, der neuen Situation mit Offenheit gegenüberzutreten. Seid neugierig und respektiert die Menschen, die euch begegnen. Und habt vor allem Vertrauen, denn alles ergibt sich so, wie es sein soll.

Danke Petra.

Foto: G2 Baraniak

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